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den 16. November 2017

#281

Smart City – New Songdo City – Aylin Ilhan – Incheon – Smarte Verwaltung – Smarter Verkehr – Smart Home – Stadtplanung – Kognitive Infrastruktur – Kreative Infrastruktur – Die Sims – Urbanität – Saskia Sassen

 

Smarte Stadt

New Songdo City:
Zukunftsstadt von morgen?

Und was Songdo mit den „Sims“ zu tun hat

Von Aylin Ilhan

New Songdo City (kurz: Songdo) als Stadtteil von Incheon ist eine künstliche Stadt, die 64 Kilometer von der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt liegt und circa 600 Hektar Fläche umfasst. Bevor allerdings die ersten Gebäude und Parkflächen entstanden sind, war dieses Gebiet ein Teil des Gelben Meeres. Es handelt sich also um eine künstlich erzeugte, von Anfang an geplante und nicht auf natürliche Weise gewachsene Stadt. Im Rahmen eines Forschungsprojektes zu ubiquitären Städten haben wir uns mit den theoretischen Grundlagen vertraut gemacht, die Stadt besucht und sowohl mit den Bürgern von Songdo als auch mit Unternehmensvertretern (von Cisco und Gale) Interviews durchgeführt.

Was macht Songdo einzigartig?

Songdo ist bis ins kleinste Detail geplant. Die smarte Stadt ist dank dieses Vorteils mit vielen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ausgerüstet. Städte wie Songdo gehören mittlerweile zur Tagesordnung im Städtebau. Überall auf der Welt entstehen sogenannte „smarte“, „informationelle“ oder „ubiquitäre“ Städte. Ein wesentlicher Bestandteil von ubiquitären Städten ist die Bereitstellung von wireless high-speed Netzwerken und fortgeschrittenen IKT durch ubiquitäre, also jederzeit und überall vorhandene Netzwerke, die miteinander und untereinander agieren können. Die IKT betrifft sowohl städtische Bereiche (Smarte Verwaltung, Smarter Verkehr usw.) als auch die Häuser und Wohnungen in der Stadt (Smart Home).

Was bedeutet die Implementierung von IKT für die Bürger von Songdo?

Solch eine Bereitstellung von IKT hat nicht nur einen wesentlichen Einfluss auf den Alltag einer Gesellschaft, sondern auch auf die urbane Stadtplanung. In Verbindung mit smarten Städten geht der Begriff „Internet der Dinge“ einher. Eine fortgeschrittene Informations- und Kommunikationsinfrastruktur ermöglicht Objekten, durch die Implementierung von Sensoren und der Netzwerke untereinander zu kommunizieren und zu agieren. So kann die intelligente Waschmaschine an das Handy eines Bewohners die Nachricht versenden: „Deine Wäsche ist fertig“, und die Waschmaschine schaltet sich selbst aus.

In Songdo sind ebenfalls smarte Dienstleistungen implementiert und in Betrieb genommen. Hierzu zählt unter anderem die automatische Mülltrennung, intelligente Stromzähler, elektronische Karten, die als Hausschlüssel fungieren, sowie „Masterpanels“, die Auskunft über den Stromverbrauch und Ähnliches geben. Allerdings wollen wir nicht den Eindruck erwecken, dass eine smarte Stadt bereits dann „smart“ sei, wenn sie mit den neusten IKT ausgestattet ist. Betrachtet man eine breitere Definition von Smarten Städten, so zählen hierzu zusätzlich die kognitive Infrastruktur (unter anderem Universitäten, Technologieparks und Bibliotheken), die kreative Infrastruktur (Theater, kreative „Viertel“) und auch das grüne, nachhaltig konzipierte Umfeld. Schnell wird deutlich, dass der Begriff „Smart“ recht vage ist und sehr weitläufig aufgefasst werden kann.

Songdo: Modern und nachhaltig

Songdo soll die prototypische Stadt des 21. Jahrhunderts repräsentieren. Gewiss stimmt das mit Blick auf die IKT, die dort viele Dienstleistungen in der Stadt wie in den Wohnungen ermöglichen. Vorbildlich ist die große Menge an bewusst gestalteten Grünflächen, gerade auch, wenn man bedenkt, dass in der Regel Städte im asiatischen Raum dicht bebaut sind und nicht viel Platz für Grünflächen zur Verfügung steht. Wer Songdo besucht oder Bilder gesehen hat, weiß, die Architektur ist modern und erinnert eher an viele westliche Städte. So trifft man auf eine Einkaufsmeile, die die Kanäle von Venedig repräsentiert, auf einen Central Park, der dem New Yorker Central Park abgeschaut ist, und viele internationale Ketten wie Starbucks, Burger King und GUESS.

Die SIMS: Gemeinsamkeiten mit künstlichen Städten?

Quelle: vanessarocksmyworld (CC)
https://pixabay.com/de/vater-sims-4-spiel-online-haus-969327/

An dieser Stelle möchte ich gern eine Parallele zu einem populären Computerspiel „Die Sims“ ziehen. Kennen Sie dieses Spiel noch? Das Computerspiel, in dem Sie die Verantwortung für einen „Sim“, also eine simulierte Spielfigur, tragen und diesem im idealen Fall eine schöne, heile Welt aufbauen und sich um den „Sim“ kümmern. Sie sorgen dafür, dass der „Sim“ sozialisiert ist, dass der „Sim“ genug Schlaf bekommt, sauber ist, genug isst, beschäftigt wird und vor allem, dass der „Sim“ sich in dem Heim wohlfühlt, dass Sie diesem Sim gebaut und eingerichtet haben.

Klingt doch eigentlich in Ordnung und einfach, oder? Tatsächlich ist es das auch, wenn man zu den Spielern gehört, die ihren „Sim“ und somit das ganze Spiel gut unter Kontrolle und viel Zeit investiert haben. Aber wie oft ist es passiert, dass Spieler die grundlegendsten und banalsten Sachen vergessen haben? Was halten Sie zum Beispiel von einer Treppe für einen Pool? Wichtig? Das dachten sich die „Sims“, die aus dem Pool nicht mehr rauskamen, auch.

Verständlicherweise muss an dieser Stelle nicht darüber diskutiert werden, dass „Die Sims“ nur ein Computerspiel sind . Aber seien wir doch einmal ehrlich zu uns: Wirklich gefragt wird die Spielfigur nicht, wie sie leben möchte, was ihr gefällt, was sie essen will – Sie als Spieler/Spielerin sitzen am längeren Hebel und entscheiden alles für Ihren „Sim“ unabhängig davon, ob es den Wünschen entspricht, und schauen zu was passiert. Sie können zwar anhand der Energiebalken für Hunger, Hygiene, Schlaf usw. die Bedürfnisse der Spielfiguren sehen, aber was Sie den Spielfiguren an Entertainment oder an Schlaf ermöglichen, entscheiden Sie. Ging es schief? Gut, dann beim nächsten Mal eben eine Treppe für den Pool und eine Tür für das Bad. Oder es wird daran gedacht, die dreckigen Teller nicht in der Nähe des Herds zu lassen, auf dass sie nicht in Flammen aufgehen.

Die Menschen in Songdo werden von Kameras beobachtet und Daten werden gespeichert. Als Spieler von „Die Sims“ haben Sie ja auch Ihren Sim immer wieder beobachtet und analysiert. Natürlich sind die Kameras in Songdo nicht primär dazu ausgerichtet, die Menschen zu beobachten, aber durch die Aufnahme der Straßen und Parkanlagen werden zwangsläufig Menschen im Bild mit abgebildet.

Songdo: Retortenstadt ohne jede Urbanität?

Wie sieht es mit der Urbanisierung aus? Ihre „Sims“ sehnen sich auch nach sozialen Kontakten, nach dem Kontakt zur Außenwelt, dort wo das Leben stattfindet. „Echte“ Städte leben von einer urbanen Infrastruktur. Angelehnt an die Stadtsoziologin Saskia Sassen ist eine urbane Stadt eine Stadt, in der die Probleme von Menschen gelöst werden, in der es „echtes“ Leben gibt und in der eine Stadt über Jahre hinweg aus sich heraus wächst und sich weiterentwickelt. Schnell hat der Besuch in Songdo gezeigt, dass es für eine solche künstliche Stadt schwierig ist, Leben einzufangen – im Gegenteil. Die paar Bewohner, die abends in Songdo noch in die Läden gehen oder in den Wohnungen sitzen, sind abzählbar – somit ist die Stadt alles andere als „urban“.

Eine Stadt zu planen und zu bauen, angepasst an Bedürfnisse wie grüne Flächen und neueste Technologien, ist der eine Aspekt. Aber die Stadt mit Leben zu füllen und zu ermöglichen, dass Menschen in dieser Stadt ein Gefühl von „Echtheit“ erhalten, eine andere. Wie im Spiel „Die Sims“: Menschen wollen sich wohlfühlen, möchten eine Beschäftigung haben, wollen den sozialen Kontakt. Eine Herausforderung, die sich eine Stadt wie Songdo, die auch eine Geisterstadt genannt wird, stellen muss.

Songdo: Herausforderungen für die Zukunft

Die Entwickler und Planer bieten zwar innerhalb von Songdo die neusten Technologien an. Allerdings wird die Frage außen vorgelassen, ob die Bewohner in die Stadt Songdo ziehen, weil sie genau diese Dienstleistungen wollen und auch, ob sie den Preis für diese Dienstleistungen aufbringen können. Reicht es in dem Spiel „Die Sims“ nicht schon aus, ein TV zu kaufen, oder müssen es wirklich noch die Konsole und die Lautsprecherboxen sein, damit die Balken für Entertainment und die Zufriedenheit völlig ausgeschöpft werden? Und hat der Spieler überhaupt genug Geld, um die Bedürfnisse seines „Sims“ weitgehend zu befriedigen?

Die perfekte Wohnung wie im Spiel „Die Sims“ zu erstellen ist die eine Sache. Dass Ihre Spielfigur letzten Endes auch zufrieden und glücklich ist, eine andere. Dies ist auch der Fall bei Songdo: Das Planen und Umsetzen der Stadt ist nur die halbe Miete. Die Menschen in Songdo müssen sich wohlfühlen und zufrieden sein. Dies ist wohl die tatsächliche Herausforderung für Smarte Städte, die aus dem Nichts entstehen.

Aylin Ilhan, Abteilung für Informationswissenschaft, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

 

Mehr über Songdo:

Ilhan, A., Möhlmann, R., & Stock, W. G. (2015). Citizens’ acceptance of u-life services in the ubiquitous city Songdo. In M. Foth, M. Brynskov, & T. Ojala (Eds.), Citizen’s Right to the Digital City. Urban Interfaces, Activism, and Placemaking (pp. 215–229). Singapore: Springer.

https://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-981-287-919-6_12

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