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den 24. Oktober 2017

#271

Genios-Datenbankfrühstück – Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg – Elgin Helen Jakisch – Vereinfachung – Ralf Hennemann – Visualisierung – Tiki Küstenmacher – Limbi – Networking – Rafael Ball – Information Professionals – Disruption – Moving Targets Consulting – Arne Krüger – Birgit Bauer – Silke Bromann – Soziale Medien – Yurt Murad – Erfolgsfaktoren – Willi Bredemeier – Erfolgskontrollen - Studierende


Genios-Datenbankfrühstück
Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg

Die ewige Sehnsucht

nach der Vereinfachung
und ein paar einfache Regeln
für den Weg zum Erfolg


Halten Sie Ihren Limbi bei Laune!

Von Elgin Helen Jakisch

Zwei voneinander unabhängige Networking-Veranstaltungen der Infobranche auf der diesjährigen Buchmesse teilten die gemeinsame Sehnsucht nach der Einfachheit in der Informationsflut und entdeckten das Miteinander neu. Der Wunsch nach Übersichtlichkeit bleibt eine Herausforderung. Ein bisschen Coaching für die disruptierte Infoprofi-Seele gab es inklusive.

Da immer mehr Daten und Informationen zur Verfügung stehen, müssen Dienstleister einfache Antworten auf komplexe Fragen liefern. Dabei ist bekannt, dass dies oftmals nur mit viel Aufwand gelingt. „Das Dilemma an der Vereinfachung ist, dass sie ungemein kompliziert ist,“ fasste Ralf Hennemann von Genios die Erfahrungen seines Unternehmens im Bericht über die neuesten Innovationen zusammen. Genios setzt verstärkt auf Visualisierung und will für seine Kunden „mehr fürs Auge“ bieten. Bilder und Grafiken, die Übersicht schaffen, statt zu viel Text.

Genios hatte als Stargast des Datenbankfrühstücks dazu passenderweise Werner Tiki Küstenmacher eingeladen. Der Bestsellerautor und Guru des „Simplify-your-Lifestyles“ trifft den Nerv der Zeit seit Erscheinen seines Buches. Da in einer immer komplexer werdenden Welt die Übersicht verloren geht, scheint die Vereinfachung wie eine Verheißung: Trenn' Dich von unnützem Ballast und schaffe Klarheit und Struktur. Sein Vortrag erzeugte bei den anwesenden „Info-Sammlern“ aus Profession mehr als nur eine erfrischende Kurzerkenntnis. Er verzichtete auf eine textlastige Powerpoint und tat das, was er am besten kann: Zeichnen und dabei erklären. Comics vereinfachen auf ansprechende Weise. Küstenmachers Comicfiguren entstehen wie Sketchnotes direkt beim Vortrag auf dem Overheadprojektor. Sein neuestes Buch verknüpft die bewährten Vereinfachungsstrategien mit Wissen über das limbische System im menschlichen Gehirn, welches für spontanes und nicht-rationales Verhalten verantwortlich ist. Küstenmacher personifiziert dieses neuronale Phänomen mit Hilfe einer von ihm entworfenen zottelig-sympathischen Comicfigur mit dem Namen „Limbi“. Nach Küstenmacher trägt jeder von uns einen Limbi mit sich herum. Limbi spürt man körperlich mit einem somatischen Marker: bei Stress Rückenschmerzen, Kopfweh, Schulterverspannung – wer kennt das nicht.

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„Auf den Kunden hören und auf sich selbst ist ein Weg“ (Werner Küstenmacher).

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Wenn wir Limbi verstehen, verstehen wir unsere Reaktionen und die der Mitmenschen. „Limbi fühlt sich wohl, wenn es einfach ist. Er ist schnell, aber nicht besonders logisch,“ erklärte Küstenmacher. Limbi reagiert selbst auf Informationen emotional. Eine wichtige Erkenntnis beim Umgang mit Kunden. Eine bewusst rationale Betrachtung von Fakten kann jedoch beruhigend wirken, gerade in einer medial aufgebrachten Echtzeitkommunikation per Social Media. Bei einer rein digitalen Kommunikation wird oft übertrieben, weil die Menschen sich dabei nicht sehen und ihre Limbis sich nicht gegenseitig spüren und regulieren. Deshalb eskalieren Shitstorms, schaukeln sich Online-Debatten emotional hoch. Telefonieren, reden, treffen ist deshalb in der zwischenmenschlichen Kommunikation durch nichts zu ersetzen. Ein wichtiges Fazit dieser Veranstaltung, in digitalen Zeiten mehr das direkte Gespräch zu suchen.

Die Steilvorlagen gingen einen Tag später mit dem Thema „Digitization: Redefining and innovating new businesses“ an den Start. Die bekannte Struktur des Programms mit einer Keynote und Success-Stories mit anschließender Podiumsdiskussion stellte die Frage nach dem Umgang mit der digitalen Disruption. Nichts wird einfacher – im Gegenteil. Rafael Ball von der ETH-Zürich forderte in seiner Keynote dazu auf, sich von der Erfahrung aus analoger Zeit zu verabschieden, da die Infobranche ohnehin über die Digitalisierung in den Prozessen konvergiert.  Er erklärte erneut das Monopol der Informationsvermittlung durch die Infoprofis für beendet. Er warnte, auf Neues nur mit Altbewährtem zu antworten und zitierte Beispiele, in denen traditionelle Branchen und Berufe hinweggefegt wurden, weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt hatten.

Herkömmliche Kanäle reichen nicht - Keynote Rafael Ball

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Redefining new businesses.

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Der Kunde und die Internetgiganten gäben der Informationsindustrie den Weg vor, so Ball, und praktizieren Konsum und Entertainment statt Kultur und Information. Die Benutzer der konventionellen Info-Services (Bibliotheken, Datenbankangebote und Ähnliches) seien mit den herkömmlichen Kanälen nicht ausreichend erreicht worden. Seiner Ansicht nach kämen die äußeren Veränderungen schneller als die Änderungen der Gewohnheiten. Also sei das Ende nahe, wenn die Infoprofis ihre Gewohnheiten in Sachen Genauigkeit und Korrektheit nicht ablegen. „Die neuen Themen“, so Ball, „sind Big Data, Künstliche Intelligenz, Auflösung der Bezahlschranken und Copyrightbarrieren sowie fluidere Medienformen in der Wissenschaftskommunikation. Verlage und Bibliotheken wird das gleichermaßen treffen.“

Denkt man Balls Ideen weiter, so müssten die Services der Zukunft von Nicht-Info-Profis erschaffen werden. Werden sie auch, wenn man an den Welterfolg des Google-Suchschlitzes denkt. Vielleicht entdecken wir ein solches Phänomen auch bei der Moving Targets Consulting GmbH. Arne Krüger ist IT-ler und Gründer eines Informationsdienstleisters, der „patent mit Patenten umgeht“. Ohne Umschweife stellt er sich den Anwesenden als „Wir sind Ihre Nachfolger“ vor. Er versuchte nicht mit Appellen den Herausforderungen der Disruption zu begegnen, sondern nahm den Zuhörer in eine Meta-Ebene seines persönlichen Umgangs mit Veränderungen mit. Er antwortete auf Balls Provokationen mit Lösungsorientiertheit und Lösungsbeispielen. Der Mensch wächst (manchmal) mit seinen Aufgaben. Diese Erfahrungen kann man sich zunutze machen. Da Angst immer lähmt und „zur dunklen Seite der Macht führt“, so Krüger, sei es gut, wenn man sich an ein paar einfache Regeln hält:

• ·         Keine Versprechen geben, die man nicht halten kann.

• ·         Wo Widerstand ist, ist auch Wachstum möglich – da sollte man hingucken.

• ·         Mit der Konkurrenz kooperieren statt die Ellbogen auszufahren und am Ende nicht retten, sondern helfen (ein wichtiger Tipp für Dienstleister).

• ·         „Beziehungen auf Augenhöhe erreichen die Herzen“, so Krüger, und damit die emotionale Bestätigung des Gegenübers (und sein Limbi, eine Anmerkung von mir).

• ·         Scheitern ist kein Untergang, sondern aushaltbar, wenn man sich aufrafft und weitermacht.

In diesem Erkenntniskreislauf steckt eine geerdete Mischung Pioniergeist und Reflexion. Move targets – statt Umsatz, und der Weg dahin ist das Ziel, könnte man ergänzen.

Zwei weitere Kurz-Vorträge stammten aus der Sicht zweier selbständiger Infoprofis:  Birgit Bauer (Bauer Business Research) und Dr. Silke Bromann (Japan Consulting). Interessanterweise waren diese nicht von einem besonders innovativen Umgang mit neuen Technologien geprägt, sondern eher von der Erfahrung, dass persönliche Beziehungen zu den Kunden und Netzwerke den Erfolg der jeweiligen Selbständigkeit ausmachen. Weit wichtiger als das, was man tut, ist das, mit wem man es tut. Social Media ist eine gute Quelle, Ansprechpartner und Experten zu finden. Als Sender bringt es den Freelancern eher Spaß als neue Kunden. Am Ende sind die altbewährten Methoden des persönlichen Netzwerkens über Berufsverbände und Vereine, wie beispielsweise die DGI, und die zwischenmenschliche Kommunikation bei beiden die eigentlich überraschende „Success Story“.

Ähnliches berichtete auch Yurt Murat aus einer global agierenden Unternehmensberatung (Absolvent der Heinrich-Heine-Universität und die dritte Success-Story), in der er die Rolle des Infoprofis als „Consultant für den Berater“ sieht. „Räumliche Nähe sollte man einer rein digitalen Kommunikation vorziehen,“ so Murat. Interessant, dies von einem jungen Nachwuchsinfoprofi zu hören, der eigentlich zu den Digital Natives zählt. Wie er jedoch die Beziehungen zu den internen Kunden gestaltet, blieb leider offen. Fazit der Success-Stories: Man arbeitet mit Menschen zusammen, Technik ist lediglich ein Mittel zum Zweck.

 

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„Es gibt keine Abkürzungen“ (Arne Krüger).

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Netzwerken ist also unersetzlich. Dies war auch Konsens der abschließenden Diskussionsrunde.  Wenngleich der Fokus der uns umgebenden Veränderungen eher auf der digitalen Technik und seinen unbekannten Auswirkungen liegen mag, so ist der Widerstand dagegen selbst in der IT-Branche hoch, wenn man Arne Krüger glauben kann, und muss immer neu überwunden werden. Der wichtigste Satz der Veranstaltung von ihm bleibt im Gedächtnis: „Es gibt keine Abkürzungen, und Hartnäckigkeit zahlt sich aus.“ Auf dem Weg zum Erfolg liegen die Mühen der Ebene. Das ändert sich auch nicht mit den vielen neuen Technologien und Kommunikationskanälen, auch wenn sie allenthalben die Vereinfachung versprechen. Es bleibt nichts übrig, als in erster Linie einen guten Job und diesen lösungsorientiert zu machen. Hier griff man den Appell von Rafael Balls Keynote auf, an sich selbst keine zu hohen Ansprüche zu stellen: Auch gut genug ist gut. Man sollte eine gesunde Neugier auf neue Tools pflegen. Die Offenheit für den praktischen Nutzen neuer Technik wird uns bis zum Lebensende begleiten. Bei Social Media ist wichtig, sich den Kanal zu suchen, der zu einem passt. Sonst wirkt der Versuch „amateurisch“. Da das dauerhafte Senden viel Zeit in Anspruch nimmt, handelt es sich im Übrigen auch hier wieder nicht um eine Abkürzung. Technik ist kein Selbstzweck.

Schade, dass das Thema Disruption außer in der Keynote von Rafael Ball und im Vortrag von Arne Krüger zu kurz kam. Ebenso der Aspekt des „Redefining“. Worin dieser konkret in den diskutierten Erfahrungen eine Rolle gespielt hatte, war nicht so klar erkennbar. Vielleicht auf der persönlichen Ebene der Selbständigen, die, jeweils aus der Rolle eines Angestelltenverhältnisses „gefallen“, sich neu positionieren mussten. Davon hätte man gerne mehr gehört.

Zwischendurch wurde noch Willi Bredemeier geehrt, der die Steilvorlagen einst ins Leben gerufen hatte und nun das weitere Engagement seinen Kollegen übergibt. Er will sich mehr seiner Familie widmen. Man mag gespannt sein, inwieweit ihm das gelingen wird.

Insgesamt waren beide Veranstaltungen ähnlich gut besucht. Dass man nicht nur interessante Vorträge hört, sondern in erster Linie dort viele Kollegen trifft und dies mit dem Besuch der Buchmesse verbinden kann, ist das eigentliche Erfolgsgeheimnis. Die kürzlich veröffentlichten Umfrageergebnisse zu den Steilvorlagen bestätigen dies.

Das zweite Erfolgsgeheimnis ist, dass die Macher auf ihre „Kunden“ hören. Die diskutierten Aspekte spiegeln und bestätigen die Erfahrungen vieler Teilnehmer. Das schafft Wiedererkennung. Wobei es doch einen nicht zum ersten Mal geäußerten Kritikpunkt an den Steilvorlagen seitens der angereisten Studenten gab, die eben nicht das Gefühl hatten, dass ihnen diese Veranstaltung etwas gebracht hätte. Die Zielgruppe liegt eher bei Berufserfahrenen und Selbständigen, welches durch die Auswahl der Success Stories offensichtlich wird.

Man muss beiden Veranstaltungen zugutehalten, dass sie konstant stattfinden und aktuelle Themen aufgreifen, die uns aktuell tatsächlich beschäftigen. Die rasante, technische Disruption treibt alle Branchen um. Dies erfordert von jedem neue Methoden, einen persönlichen, bewussten und nachhaltigen Umgang mit der Veränderungsflut zu finden. Diese wertvollen Kompetenzen teilen wir am Ende mit vielen anderen Berufsgruppen. Über diese Gemeinsamkeit kann sich unser Netzwerk bei ähnlichen Veranstaltungen schneller vergrößern, als wir denken. Aber dazu müssen wir uns immer noch physisch dorthin begeben… einfacher wär's, wenn's einfacher wär (frei nach Karl Valentin).

Elgin Helen Jakisch, U&B Interim-Services, Berlin, jakisch@ub-interim.de

Bildnachweise: Genios / Vera Münch / b.i.t. online

 

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