Open Password - Donnerstag, den 24. August 2017

 
#245

Helga Schwarz – Deutsches Bibliotheksinstitut – Elgin Helen Jakisch – BAK – Elisabeth Simon – Wissenschaftliche Bibliotheken – Öffentliche Bibliotheken – Lobbying – Wissenschaftsrat – Infrastruktur als Service – Forschungsinfrastruktur – Evaluierung – Föderalismus - Außenkommunikation

DBI (1)

Debatte um DBI-Lehrstück
wird fortgesetzt

Errata

Nachdem sich zunächst die Massenmedien für die Promotion von Helga Schwarz („Oma cum laude“) begeisterten, hat sich nunmehr auch die Fachwelt mit einem leichten Time lag ihrer Arbeit angenommen. Nunmehr stehen die Inhalte ihrer Arbeit, immerhin eine der wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres, im Mittelpunkt. Wir setzen heute die Debatte um das „Lehrstück“ zum Aufstieg, Niedergang und Ende des Deutschen Bibliotheksinstituts mit einem Beitrag von Elgin Helen Jakisch fort.

In dem Beitrag vom Elisabeth Simon zum gleichen Thema wurde Frau Schwarz einmal „Frau Schulz“ genannt. Die Redaktion hatte den Fehler in den Text hineinredigiert und bittet dafür um Entschuldigung.

 

DBI (2)

Aufstieg, Niedergang und Ende
des Deutschen Bibliotheksinstituts:

Ein Lehrstück mit aktueller Bedeutung

Von Elgin Helen Jakisch

Untersuchungsausschuss in eigener Sache: Helga Schwarz referierte in einer Veranstaltung des BAK-Berlin aus ihrer Doktorarbeit und ihrer Publikation zur Gründung und Auflösung des Deutschen Bibliotheksinstituts

Was mag einen bewogen haben, diese Veranstaltung zu besuchen? Die Neugierde auf eine 81ig-jährige Doktorandin - „Oma cum laude“, wie die BZ am 17. April 2017 getitelt hatte? Das Thema an sich? Der versprochene „Politkrimi“ von einer ehemaligen Insiderin? Sicher von allem etwas, aber besonders die Frage, wieso über 15 Jahre nach Schließung des DBI sich jemand damit wissenschaftlich beschäftigt und das Thema aufmerksame Zuhörer findet. Dass der BAK-Berlin Helga Schwarz einlud, verstand sich fast von selbst: Das DBI hatte seinen Sitz in Berlin, Frau Schwarz hatte an der Humboldt-Universität promoviert und ist schon lange BAK-Mitglied.

 

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Licht auf systemische, behördliche und DBI-interne Strukturen, dort, wo es bisher dunkel geblieben ist.

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„Das Buch füllt eine Lücke“, eröffnet die Verlegerin Elisabeth Simon die Veranstaltung. Helga Schwarz, selbst Bibliothekarin und jahrelang engagiert in Verbänden wie der IFLA, dem VdDB und beteiligt an maßgeblichen Digitalisierungsprojekten zur Weiterentwicklung des Bibliothekswesens (unter anderem die Zeitschriftendatenbank/ZDB), hat „die Frage nach der Auflösung des DBI nie losgelassen“. Auf der Basis eines intensiven Quellenstudiums und von Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern des DBI, hat sie den Hergang der Gründung, Evaluierung und das sich abzeichnende Ende des DBI sorgsam aufgearbeitet. Wer Helga Schwarz zuhört, kann schnell erkennen, dass sie mit Spekulationen über Sinn und Unsinn dieser Ereignisse aufräumen will. Es geht in ihrem Vortrag nicht darum, einer einstmals politischen (Fehl-?) Entscheidung nachzutrauern. Frau Schwarz' Arbeit ist eine gründliche und nüchterne Betrachtung politischer Ereignisse, von Verkettungen ungünstiger Umständen, die den etwa dreißig Zuhörern an diesem Abend strukturiert und klar dargelegt werden. Dabei erläutert sie sachlich den Hergang einer fast kafkaesken Situation. Dass sie hier und da die Vorgänge mit persönlicher Wertung versieht, versteht sich aus ihrer Sicht als ehemalige Insiderin. Helga Schwarz wirft Licht auf systemische, behördliche und DBI-interne Strukturen, dort wo es bisher dunkel geblieben ist.
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Eine (scheinbar) fast traumhafte Ausgangssituation.

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Für den Infoprofi, der das DBI noch aus seiner aktiven Zeit kannte, oder für den Nachwuchsbibliothekar ist der Vortrag ein Lehrstück aus der jüngeren Zeitgeschichte von Kulturpolitik und Bibliothekswesen. Dass die Zeiten einmal andere waren, erkennt man am Aufbau einer infrastrukturellen Rundumversorgung der Bildung und Wissenschaft in den ausgehenden 60er Jahren der BRD, die unter anderem zur Gründung des DBI als „Serviceeinrichtung für das Bibliothekswesen, Beratungen und Dienstleistungen“ im Jahre 1978 führte. Finanziert von Bund und Ländern gingen daraus wichtige und sinnvolle nationale Projekte wie die Normdateien oder das ZDB hervor. Die Erfahrungen der vielfältigen, föderalen und unübersichtlichen Organisationen des Bibliothekswesens konnten, so hoffte man, in einem zentralen Institut für bibliothekarisches Know how für Wissenschaftliche Bibliotheken und Öffentliche Bibliotheken gemeinsam gebündelt, gestärkt und mit Sachverstand aktiviert werden. Eine fast traumhafte Ausgangssituation für das DBI.

Vielleicht tat man sich damit trotzdem schwer in Deutschland, das immer an der Kulturhoheit einzelner Länder mit ihren jeweils solitären Institutionen orientiert ist, eine Zentrale zu akzeptieren. Beide Sparten des Bibliothekswesens waren zudem überzeugt, die jeweils andere würde vom DBI bevorzugt. Vielleicht ist es in dieser Matrix nicht ausreichend gelungen, durch aktive Lobbyarbeit und Vernetzung mit den Entscheidungsträgern zwischen lokalen Gegebenheiten und nationalen bis internationalen Aufgaben das Wissen konsequent auszutauschen, Beziehungen aufzubauen und somit gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Nicht alle Einrichtungen, vor allem nicht die der wissenschaftlichen Bibliothekswelt, unterstützten die Arbeit des DBI vollumfänglich. Helga Schwarz spricht von „unterkühlten Beziehungen zu großen wissenschaftlichen Bibliotheken“. Auch spielten wohl die Bedürfnisse dieser Einrichtungen nach Autonomie eine nicht unerhebliche Rolle, die Arbeit des DBI nicht allzu intensiv zu fördern.

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Für die Evaluierung völlig neue Kriterien, die mit den bisherigen Aufgabenschwerpunkten wenig zu tun hatten.

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Dennoch hatte das DBI nach der ersten Evaluation 1988 gut abgeschnitten und war inhaltlich auf dem Weg. Der Wissenschaftsrat hatte erkannt, dass das DBI primär eine Serviceeinrichtung war und kein Forschungsinstitut. Organisatorisch hatte es eine Umstrukturierung auferlegt bekommen, die nicht ohne interne Widerstände vonstattenging. Die Wende, die Wiedervereinigung mit Einrichtungen aus der ehemaligen DDR und die Übernahme von Mitarbeitern kamen als neue Herausforderung hinzu, die die Handlungsfähigkeit des DBI vorübergehend mit dem Aufbau einer neuen Infrastruktur in der ehemaligen DDR und eigener Fusion an den Rand der eigenen Kapazitäten brachte – Aufträge und Projekte sowie die vom Wissenschaftsrat auferlegten Umstrukturierungen kamen in Verzug. Das Betriebsklima verschlechterte sich, Kompetenzen wanderten ab oder konnten sich nicht entfalten, ein Respekts- und Bedeutungsverlust innerhalb der anderen bibliothekarischen Einrichtungen mögen hinzugekommen sein.

Vor der zweiten Evaluation Mitte der 90er Jahre zeichnete sich eine weitere Entwicklung ab, die nicht gerade zur Sanierung der Situation beitragen konnte: die Veränderung der Wissenschaftslandschaft und der politische Paradigmenwechsel in der Finanzierung von Infrastruktureinrichtungen der Bildung und Wissenschaft. Das veränderte nun auch die Welt der in der BRD geborenen und gewachsenen Einrichtungen. Die Politik formulierte „harte Einsparungen“ und wollte, so Schwarz, die „effizienten Einrichtungen heraussieben“. Statt Rundumversorgung gab es nun ein Streben nach Exzellenz einzelner Einrichtungen, statt Kooperation war Konkurrenz angesagt. „Dabei hat das DBI wohl“, so Helga Schwarz, „Warnungen über die eigene Gefährdung“ erhalten. Man hätte absehen können, was geschieht, wenn Infrastruktureinrichtungen plötzlich mit wissenschaftlichen Maßstäben wie Publikationsaktivitäten, Forschungsprojekten oder Anzahl der angemeldeten Patente gemessen werden, wo sie doch vorher einen völlig anderen Schwerpunkt ihrer Aufgabenstellung hatten. Wer sich wenig mit der Förderung öffentlicher Einrichtungen beschäftigt, runzelt spätestens hier die Stirn.

Das DBI passte nicht hinein in das „Controlling erbrachter Forschungsergebnisse“, so Schwarz. Und so ergab die zweite Evaluation, wie man sich denken kann, eine Endbewertung zu Ungunsten des DBI. Aber auch die internen Strukturprobleme wurden deutlich. Fachbeirat und Kuratorium des DBI hatten eigene Entwicklungspotenziale nicht rechtzeitig genutzt, den Anschluss für die Umwälzungen bei der Erfindung des Internet verpasst und eine Umstrukturierung mit Perspektive nicht bewältigt. Beim DBI war, so das Evaluationsurteil, „die Federführung im Bibliothekswesen nicht gegeben“, dies mit Ausnahme der Unterstützung für die öffentlichen Bibliotheken und der Pflege der Auslandsbeziehungen, was aber dem Forschungsanspruch gleichfalls nicht gerecht wurde. Einzelne exzellente Projekte konnten weiterlaufen, das DBI selbst nicht. Proteste gab es vor allem seitens der Öffentlichen Bibliotheken, aus Reihen der wissenschaftlichen Einrichtungen waren sie verhaltener – dies „vermutlich im Hinblick auf die Übernahme von Aufgaben aus der Auflösung des DBI“, wie Schwarz die Situation treffend und nüchtern zusammenfasste. Ein weiteres Motiv war vielleicht auch, dass man selbst Einsparungen im eigenen Haus befürchtete. Auch das Land Berlin setzte bei der Förderung von Wissenschaftsprojekten andere Prioritäten und unterstützte das DBI nicht. Die Folge war der Schließungsbeschluss, das Auflösungsgesetz 1999, eine gescheiterte Weiterfinanzierung durch die Länder mit einem abgespeckten Konzept als „Innovationszentrum für Bibliotheken“ im Jahr 2000 und schließlich die „chaotische Auflösung des EDBI (ehemaligen DBI)“, als die „Akten im Müllcontainer landeten“.

Helga Schwarz hat sie klar aufgezeigt, die chronologische Verkettung der Umstände, die Entscheidungsstrukturen der Akteure, die fehlende Einigkeit der Stakeholder, für eine Zentrale zu streiten, die getrennten Sichtweisen der Welten der Öffentlichen und Wissenschaftlichen Bibliotheken, die Schwächen des Föderalismus, die Herausforderungen der Wende und den Medienwandel mit Aufkommen des Internet, schließlich am Ende die Schwächen der DBI-internen Strukturen. Ihr Fazit: Es fehlte ein letzter „Hebel“, ein positives Moment, ein glücklicher Umstand oder einfach eine Einsicht an einflussreicher Stelle, ein gerade mal zwanzig Jahre altes Institut, welches sich in einigen Projekten schon gefunden hatte, eine weitere Chance und damit eine Zukunftsperspektive zu geben. Man ahnt bei ihrem Vortrag, wie sich Politik und Verwaltung bei fragmentierten Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern im Weg stehen können.

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Warum wir nach wie vor eine zentrale Wahrnehmung bestimmter bibliothekarischer Aufgaben nötig hätten.
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Und heute? Braucht es eine Zentrale für die deutschen Bibliotheken, fragten sich die Zuhörer in der anschließenden Diskussion. Die Kulturhoheit der Länder könnte mit Hilfe der Digitalisierung überwunden werden. Auch agieren die heutigen Netzwerke pragmatischer und flexibler und sie lobbyieren in anderen Kanälen vielleicht besser für die eigene Sache. Trotzdem bleibt es strukturell bei einer unübersichtlichen Diversifikation. Man stellt sich nicht nur die Frage nach dem Grundsatz der Finanzierung der Infrastruktureinrichtungen bis heute. Was wäre besser? Projektförderung nach dem „Gießkannenprinzip“ oder zumindest eine solide Dauerfinanzierung für Einrichtungen, die eine Langzeitperspektive brauchen? Die so notwendige einheitliche Außenkommunikation der Branche hätte durch ein zentrales Institut sicher unterstützt werden können, vielleicht auch die internationale Vernetzung insbesondere auf europäischer Ebene. Dann hätte man die Bibliothekare in der Öffentlichkeit besser gehört und sie wären mit ihren Anliegen und Institutionen gestärkt worden. Die Geschichte des DBI zeugt leider von der Dominanz kleinteiliger und kurzfristiger Orientierungen, die auch aktuell immer wieder zu überwinden ist. Der Vortrag von Helga Schwarz ging eineinhalb Stunden, war von ersten bis letzten Moment hochinteressant und machte neugierig auf das Buch.

Weitere Infos:

Vortragsfolien und Text des Vortrags „Das Deutsche Bibliotheksinstitut – Erfolg und Scheitern“ finden Sie auf der Homepage des BAK-Berlin: http://bak-information.de/events/bak-1710-das-deutsche-bibliotheksinstitut-erfolg-und-scheitern/

 

Schwarz, Helga: Das Deutsche Bibliotheksinstitut: Im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischen Interessen. - Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswissen, 2018 (Phil. Diss. 2017, Humboldt Universität zu Berlin), http://www.simon-bw.de/autoren/item/schwarz-helga

Elgin Helen Jakisch, für den BAK-Berlin, www.ub-interim.de

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