Open Password - Mittwoch, den 21. Juni 2017

# 214

Zukunft der Informationswissenschaft – Christian Schlögl – Willi Bredemeier – ISI – Wolf Rauch - Informatik – Kommunikationswissenschaft – Soziologie – Betriebswirtschaftslehre – Volkswirtschaftslehre – Rechtswissenschaften – Informationsethik – Reinhard Kuhlen – Information Retrieval – Informationsverhalten – Wissensrepräsentation – Wissensorganisation – Informationsmanagement – Wissensmanagement – Metadaten – Informetrie – Soziometrie – Informationskompetenz – Fake News – Altmetrics – Institutionen der Informationswissenschaft – Bibliotheken – Informationsinfrastruktur – Information Broker – Informationswissenschaft Düsseldorf – Informationswissenschaftliche Lehre – Informationswissenschaftliche Forschung – Walther Umstätter – Sputnik-Schock

 

Zukunft der Informationswissenschaft

Gegenstandsbereich und Perspektiven

Von Christian Schlögl

Bevor ich einige Gedanken über die Zukunft der Informationswissenschaft in den deutschsprachigen Ländern anstelle, möchte ich zunächst versuchen, ihren Gegenstandbereich zu umrei­ßen. Bei einem schwer greifbaren Begriff wie „Information“ ist es nicht überraschend, wenn es keine allgemeine Übereinstimmung über die zentralen Themen der Informationswissenschaft gibt. Nicht umsonst lautet der Untertitel eines in Open Password in dieser Beitragsserie erschienenen Beitrags von Willi Bredemeier (2017), der auf eine beim 15. Internationalen Symposium für Informationswis­sen­schaft in Berlin geführte Podiums­diskussion Bezug nimmt (Rauch et al. 2017), „All-Zuständigkeit für die Digi­tale Gesellschaft oder Beschränkung auf Themen mit Alleinstellungsmerkmalen“.

Faktum ist, dass sich viele weitere Disziplinen ebenfalls mit den verschiedenen Facetten von „Informa­tion“ befassen. Unter anderem sind dies:

 

• Informatik: Schwerpunkt ist die Automatisierung/Computerisierung zunehmend aller Lebens­bereiche. Die Informatik hat also primär eine technologische Sicht auf Information.

• Publizistik/Kommunikationswissenschaft: Durch Internet und Soziale Medien ergeben sich auch für die Verteilung von Information (Nachrichten) völlig neue Möglichkeiten.

• Kognitionswissenschaft: Diese betrachtet kognitive Prozesse (im Gehirn) als Informationsver­arbeitung.

• Soziologie: Information und Informatisierung haben nicht nur starke Auswirkungen auf den Einzelnen, sondern auf die Gesellschaft insgesamt (Informationsgesellschaft).

• Betriebswirtschaftslehre: Von einigen Vertretern wird Information neben Betriebsmitteln, Werkstoffen und menschlicher Arbeit ebenfalls zu den Produktionsfaktoren gezählt. Informa­tion und Wissen müssen daher in Unternehmen entsprechend gemanagt werden (Informa­tions- und Wissensmanagement).

• Volkswirtschaftslehre: Information und Informationstechnologie führen zu einer Trans­formation der gesamten Ökonomie. Auch hier gibt es Autoren, die zu den klassischen Produk­tionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden auch noch Wissen (Humankapital) zählen. Andere fordern die Erweiterung des sogenannten „Dreisektorenmodells“ um einen Informa­tions­sektor.

• Rechtswissenschaften: Die grundsätzlich leichte technische Zugänglichkeit digitaler Inhalte führte unter anderem zu Änderungen im Urheberrecht. Auch das Datenschutzrecht gewinnt an Bedeutung, da die Privatsphäre des Einzelnen durch die neuen technischen Möglich­keiten stark bedroht ist.

• Philosophie: Die fast unbegrenzten Möglichkeiten, welche die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien mittlerweile bieten, bedeuten noch lange nicht, dass alles Machbare umgesetzt werden soll (Informations­ethik).

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Gegenstandsbereich der Informationswissenschaft: Von Information Retrieval zur Informationskompetenz.
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Auch wenn sich für die Informationswissenschaft einige Anknüpfungspunkte zu den obigen Disziplinen ergeben, so stellt sich dennoch die Frage, welche originären Inhalte für sie übrigbleiben. Eng damit hängt das Begriffsverständnis von Information aus Sicht der Informationswissenschaft zusam­men. Der Autor dieses Beitrags folgt dem pragmatischen Informationsverständnis von Kuhlen (2013, S. 3 ff.). Demnach ist Wissen der Rohstoff für Information. Durch Informationsarbeit, die durch zahlreiche Kontextfaktoren (z. B. verfügbare Zeit und Kosten, Vorwissen, persönliche Interessen, vorhandene Kompetenzen, sozialer Status und Aufgabenkomplexität) beeinflusst wird, entsteht Information, „… die direkt (durch Handeln, Entscheiden) genutzt werden kann“ (Kuhlen 2013, S. 3). Auf eine Kurzform gebracht könnte man auch sagen: „Information ist Wissen in Aktion und Kontext“ (Kuhlen 2013, S. 4). 

Nach diesem Verständnis lässt sich die Informationswissenschaft eindeutig als Humanwissenschaft verorten. Im Mittelpunkt steht der Mensch mit seinen Informationsbedürfnissen und Informa­tionsproblemen. Daraus lassen sich zwei zentrale Themen der Informationswissen­schaft ableiten:

• Informationssuche (Information Retrieval) sowie

• Informationsnutzung und Informationsverhalten.

Um eine möglichst erfolgreiche Informationssuche und -nutzung sicherzustellen, beschäftigt sich die Informationswissenschaft aber nicht nur mit der pragmatischen, sondern auch mit der semantischen (Wissen) und der syntaktische Zeichenebene (Daten). Von der Informationswissenschaft behandelte Themen sind somit auch

• Wissensrepräsentation und Wissensorganisation (bzw. im Kontext von Organisationen (Infor­mations- und) Wissensmanagement) sowie

• Metadaten (Kuhlen 2013, S. 4).

Aus historischer Sicht hat der Sputnik-Schock die Informationswissenschaft begründet. Im Mittel­punkt stand damals primär Fachinformation, der Zugriff darauf war vorwiegend Experten vorbehalten. Die Vermessung dieses Wissens „im Großen“ erfolgte im Rahmen der

• Informetrie bzw. Szientometrie (Informationsverdichtung).

In den letzten Jahren haben Internet und Soziale Medien zu einer „Demokratisierung“ des Zugriffs auf und der Erzeugung digitaler Inhalte geführt. Dies hatte wesentliche Auswirkungen auf die Informationswissenschaft. Während die Grundprämisse nach wie vor die gleiche ist (pragmatisches Primat der Informationswissenschaft), ist eine primäre Betrachtung von Fachinfor­mation nunmehr zu eng. Auch Informationssuche und Informationsnutzung für private Zwecke sind nun Gegen­stand der Informationswissenschaft.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Informationskompe­tenz. Da Web-Suchmaschinen in ihrer Benutzung sehr einfach sind und immer (relevante?) Treffer liefern, entsteht bei den meisten Nutzern erst gar nicht das Empfinden, inkompe­tent zu sein. Tatsächlich weiß aber selbst ein Großteil der Studierenden über die Möglichkeiten der erwei­terten Suche bei Suchmaschinen nicht Bescheid. Nur Wenige betrachten die Treffer über die erste Seite der Trefferliste hinaus. Kaum jemand führt eine alternative Suche mit einer anderen Suchmaschine durch. Die Geschäftsbedingungen der Suchmaschinen-Anbieter und der Dienste im Bereich der Sozialen Medien werden nicht gelesen und sind demnach kaum bekannt. Dieses unkri­tische Vorgehen lässt sich auch auf die Rezeption digitaler Inhalte übertragen. Fake News neh­men immer mehr überhand. Gerade in einem derartigen Umfeld kommt der Beurteilung der Informations­qualität eine zentrale Bedeutung zu.

Da auch verschiedene Aspekte der Nutzung des Web und der Sozialen Medien vermessen werden kön­nen, tritt zusätzlich zur Informationskompetenz Altmetrics neben die traditionellen Themen­gebiete der Informationswissenschaft. Aus Sicht des Autors ergeben sich nunmehr folgende zentralen Themenbereiche:

• Informationssuche

• Informationsnutzung und Informationsverhalten

• Informationskompetenz

• Wissensrepräsentation und Wissensorganisation

• Metadaten

• Informetrie, Szientometrie und Altmetrics (Informationsverdichtung).

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Zukunft der Informationswissenschaft: Neuer Auftrieb durch „Trump-Schock“?
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Aus den obigen Ausführungen sollte hervorgegangen sein, dass informationswissenschaft­liche Forschung auch in Zukunft eine große Bedeutung haben sollte – dies insbesondere in den Bereichen Informationskompetenz und Informationsverhalten. Dies bedeutet aber nicht, dass in den nächsten Jahren mit der Neugründung informationswissenschaftlicher Institute zu rechnen ist.

Grundsätzlich kann Forschung einerseits an den in der Literatur behandelten Forschungsinhalten, andererseits an den Organisationen (Institutionen) festgemacht werden, die diese Forschung betreiben. Da Informations­er­arbeitung immer in einem fachlichen Kontext erfolgt, ist es nicht über­raschend, wenn ein Teil informationswissenschaftlicher Forschung innerhalb der Fachdisziplinen selbst erfolgt (Beispiel: Erstellung einer Wissenschaftslandkarte für die deutsch­sprachige Betriebswirtschaftslehre durch einen Forscher mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund).

Aus institutioneller Sicht wird sich in den deutschsprachigen Ländern in naher Zukunft vermutlich nicht viel zum Besseren ändern. Und zwar aus diesen Gründen:

-          Die institutionelle Verankerung einer Wissenschaftsdisziplin ist häufig an ein Berufsfeld „angedockt“. Im Bereich der Informationswissenschaft sind dies am ehesten Bibliotheken, Einrichtungen der Informationsinfra­struktur, Information Broker und sonstige Informations­spezialisten sowie Teile der Informations­wirt­schaft. Im Zuge der weiter voranschreitenden Digitalisierung ist in den nächsten Jahren vor allem in Bibliotheken ein Schrumpfungsprozess zu erwarten. Bereits in der Vergan­gen­heit waren viele Dokumenta­tions­stellen und Information Broker von ähnlichen Rückgängen betroffen.  

-          In den deutschsprachigen Ländern kommen teilweise hemmende kulturelle Rahmenbedingungen hinzu. Beispielsweise gibt es in Österreich nach wie vor kein Bibliotheksgesetz, das eine verpflichtende Einrichtung von Öffentlichen Bibliotheken vorschreiben würde. An vielen Schulen sind Schulbibliotheken keine Selbstverständlichkeit. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, wenn es kein reguläres informationswissenschaftliches Hochschulstudium in Österreich gibt.

-          Die Informationswissenschaft als Disziplin wird in der „allgemeinen Öffentlichkeit“ und auch von der Politik kaum wahrgenommen. Sie ist daher weitgehend unbekannt. Vielfach werden die von der Informationswissenschaft behan­delten Themen mit der Infor­matik in Verbindung gebracht.

-          In den berufsnahen Fachhochschulen ist die Informationswissenschaft in den deutschsprachi­gen Ländern relativ gut etabliert.

-          An den Universitäten ist mit den informationswissenschaftlichen Instituten an der Humboldt-Universität, der Universität Hildesheim und der Universität Regensburg leider nur mehr eine „Mindestversorgung“ gegeben. Diese Institute scheinen mittelfristig gesichert zu sein. Eine interessante Beobachtung ist, dass die Informationswissenschaft oft an jenen Standorten stärker etabliert ist, an denen es keine Informatik gibt. Dies trifft beispielsweise auf die Insti­tute in Regensburg, Hildesheim und Graz zu. 

-          Wie am Beispiel der Düsseldorfer Informationswissenschaft zu sehen ist, sind selbst informations­wissen­schaftliche Abteilungen von Schließung bedroht, die nach Publikationsleistung und Drittmitteleinwerbung erfolgreich waren. Oft spielen „universitäts­poli­tische“ und „institutspolitische“ Überlegungen eine wichtigere Rolle, insbesondere dann, wenn sich die Informationswissenschaft in einer Minderheitsposition befindet und sich gegen eine Mehrheit aus anderen Disziplinen durchsetzen müsste.

-          Ähnliches gilt für den Bereich der Forschungsförderung, wenn informationswissenschaftliche Forschungsanträge zu beurteilen sind. Oft wirken an der Begutachtung nur Fachfremde mit – mit dem Ergebnis, dass primär Anträge aus deren Disziplinen bevorzugt werden.

Eine zentrale Frage ist nun, wie der Stellenwert der Informationswissenschaft trotz dieser schwieri­gen Rahmenbedingungen verbessert werden könnte. Aus Sicht des Autors könnten gerade die in jüngster Zeit auftretenden „Unsicherheiten“ bei der Benutzung von Sozialen Medien (siehe z. B. Umstätter 2017) für die Informationswissenschaft eine große Chance bieten, neu durchzustarten. Wie vor einem halben Jahrhundert der Sputnik-Schock könnte nun der „Trump-Schock“ der Informationswissenschaft neuen Auftrieb verleihen. Die entscheidende Frage ist aber, ob die Informationswissenschaft mittlerweile noch „stark“ genug ist, diese Trendwende herbeizuführen.

Quellen

Bredemeier Willi (2017): Zukunft der Informationswissenschaft: Was sind die Kernbereiche der Infor­mationswissenschaft, was ihre Grenzen – All-Zuständigkeit für die Digitale Gesellschaft oder Be­schrän­kung auf Themen mit Alleinstellungsmerkmalen? In: Open Password, www.password-online.de/, Nr. 191 vom 24. April 2017.

Kuhlen Rainer (2013): Information – Informationswissenschaft. In: Kuhlen Rainer, Semar Wolfgang, Strauch Dietmar (Hrsg.): Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. Handbuch zur Einführung in die Informationswissenschaft und -praxis, 6. Ausgabe, De Gruyter Saur, S. 1-24.

Rauch Wolf, Kuhlen Rainer, Stock Wolfgang G., Wolff Christian, Womser-Hacker Christa, Schlögl Christian (2017): Significance and Relevance of Information Science in German-language Countries. In:  Gäde Maria, Trjkulja Violeta, Petras Vivien (Hrsg.): Everything Changes, Everything Stays the Same? Understanding Information Spaces. Proceedings des 15. Internationalen Symposiums für Informationswissenschaft (ISI 2017), Hülsbusch, S. 252-263.

Umstätter Walther (2017): Zukunft der Informationswissenschaft: Fake News und Cyber War. Informationswissenschaft für den Informationsfrieden. In: Open Passwort, www.password-online.de/, Nr. 193 vom 28. April 2017.7

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