Open Password - Freitag, den 9. Juni 2017

 #210

DGI – Marlies Ockenfeld – Mitgliederversammlung – Vorstandswahlen - Reinhard Karger – Sigrid Riedel – Luzian Weisen – Clemens Weins – Bibliothekartag – Mitgliederbestand - Konzept

DGI

Mitgliederbestand unter 600 gesunken

„Palastrevolte“ setzt neuen Vorstand
mit geringer Zukunftsorientierung ein

Von Willi Bredemeier

Der neue DGI-Vorstand ist über eine „Palastrevolte“ zustande gekommen. Er vertritt ein eher enges Verständnis wünschenswerter DGI-Aktivitäten und erscheint wenig zukunftsorientiert. Dies geht aus einem Brief der neuen Präsidentin, Marlies Ockenfeld, an die Mitglieder hervor. Siehe Open Password in seiner gestrigen Ausgabe.

Typische Mitgliederversammlungen der DGI zeichneten sich in früheren Jahren durch die Abwesenheit von Überraschungen und angesichts fehlender inhaltlicher Erörterungen durch Langeweile aus. Zwar gab es selten genug den einen oder anderen Oppositionellen, der eine Entwicklung oder Entscheidung in der DGI infrage zu stellen suchte. Aber das konnte man auch bei den schwächeren DGI-Vorständen voraussetzen, dass sie nämlich kritische Geister oder auch nur inhaltliche Anfragen schnell in den Griff bekamen und die Tagung alsbald in die routinemäßige Abwicklung von Tagesordnungspunkten zurücklenkten. Die Besetzung von Präsidenten- und Vorstandspositionen war praktisch immer vorher ausgekungelt, das Abnicken durch die Mitgliederversammlung eine Formsache. Es ging nicht darum, zwischen verschiedenen Kandidaten für die Präsidentschaft zu wählen, sondern einen Präsidenten, möglichst einen Professor, zu finden, der die Bürde des Präsidentenamtes auf sich nahm. Erst ganz am Ende mochte etwas Leben aufkommen, wenn der Vorstand die Frage für Erörterungen freigab, wo der nächste Verbandstag (möglichst mit guten Restaurants und einem attraktiven Freizeitangebot) stattfinden möge.

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Warum die Ablösung des bisherigen Vorstandes als „Palastrevolte“ oder als „Putsch“ zu kennzeichnen ist.

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Nicht so dieses Mal, obgleich wesentliche Teile des Vorstandes mit dem bisherigen Präsidenten Reinhard Karger (Deutsches Institut für Künstliche Intelligenz), der bisherigen Schatzmeisterin Sigrid Riedel (WTI Frankfurt), dem stellvertretenden Vorsitzenden Luzian Weisel (FIZ Karlsruhe) und Clemens Weins, der einmal die „Junge DGI“ hatte aufbauen wollen, wieder kandidierten. Aber als die Wahlen zum neuen Vorstand anstanden, brachte die ehemalige Redakteurin der DGI-Zeitschrift IWP, Marlies Ockenfeld, eine neue Stimmliste ein. Die Kandidaten auf dieser Liste unterschieden sich mit einer Ausnahme von den bisherigen Kandidaten.

Bild: Tweet mit positiver Grundstimmung vom noch amtierenden DGI Präsidenten vor der Mitgliederversammlung

Die eine Ausnahme war der bisherige Vizepräsident Luzian Weisel, der sich über das Vorgehen Ockenfelds schockiert äußerte, gleichwohl aber weiter kandidierte, weil er nun erst recht für das Gute eintreten wollte. Die Schatzmeisterin Sigrid Riedel zog hingegen ihre Kandidatur zurück, weil sie über das Procedere, das zum Zustandekommen der alternativen Liste geführt hatte, und zum Vorgehen Ockenfelds auf der Mitgliederversammlung enttäuscht war:

• Eine inhaltliche Kritik an dem bisherigen Vorstand, die den Wunsch nach seiner Ablösung hätte verständlich machen können, hatte es im Vorfeld der Mitgliederversammlung nicht gegeben.

• Die alternative Liste wurde in aller Heimlichkeit zusammengestellt. Weder die Vorstandsmitglieder noch die Geschäftsstelle der DGI erfuhren davon oder wurden gar in die Arbeiten dazu einbezogen. Die Präsentation der alternativen Liste war demnach ein Überraschungscoup.

• Auch auf der Mitgliederversammlung fand keine inhaltliche Debatte statt. Weder Marlies Ockenfeld noch eine ihrer Kandidaten erklärten, was sie im Falle ihrer Wahl demnächst besser als der bisherige Vorstand machen wollten. Dieser Verzicht auf alle inhaltlichen Auseinandersetzungen verbunden mit der Heimlichkeit des Vorgehens berechtigt dazu, den weitgehenden Austausch des Vorstandes durch einen anderen als „Palastrevolte“ oder auch als „Putsch“ zu kennzeichnen.

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Während die Schatzmeisterin auf dem Bibliothekartag im Dienste der DGI tätig war, wurde in aller Heimlichkeit ihre Absetzung vorbereitet.

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DGI-Mitgliederversammlungen waren schon immer schlecht besucht, dies auch angesichts des Fehlens inhaltlicher Auseinandersetzungen und mangelnder Entscheidungsmöglichkeiten. Mit dem drastischen Rückgang des Mitgliederbestandes von einmal über 2.000, nach den Angaben eines ehemaligen DGI-Präsidenten sogar von über 3.000 auf mittlerweile unter 600 ging auch die Zahl der Teilnehmer an den Mitgliederversammlungen zurück. So mochte es von Jahr zu Jahr leichter werden, die eigenen „Spezis“ um sich zu versammeln und sich so eine Mehrheit für die eigenen Vorstellungen zu verschaffen.

Marlies Ockenfeld kam denn auch mit ihrer alternativen Stimmliste voll durch und hatte sich auf diese Weise selbst zur Präsidentin gemacht.

Pikantes Detail am Rande: In ihrem Brief an alle DGI-Mitglieder schrieb Marlies Ockenfeld unter anderem: „Aufgrund der Erfahrungen mit dem Gemeinschaftsstand auf dem Bibliothekartag in Frankfurt am Main werden wir versuchen, auch 2018 beim Bibliothekartag in Berlin Mitglieder der DGI auf einem Gemeinschaftsstand zu versammeln. In diesem Jahr hat unser korporatives Mitglied WTI Frankfurt dankenswerterweise die Hauptlast der Organisation getragen.“

Mit anderen Worten: Während Sigrid Riedel auf dem Bibliothekartag im Dienste der DGI tätig war, bereitete Marlies Ockenfeld ihre Absetzung vor, um auf der Mitgliederversammlung am letzten Tag des Bibliothekartages zuzuschlagen.

Vereinigungen wie die DGI sind auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitglieder angewiesen. Das gilt für die DGI angesichts ihrer prekären Mitglieder- und finanziellen Situation ganz besonders. Sie sollte ihre Leistungsträger, die sich jahrelang ohne Entschädigung einsetzen, auf Händen tragen.

Die DGI sollte sich daher nach der „Palastrevolte“ auf der diesjährigen Mitgliederversammlung fragen, ob die Krise der DGI auch damit zusammenhängt, wie sie mit Menschen umgeht, die sich für die DGI engagieren.

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Ein wenig zukunftsfähiges Konzept für die nächsten Jahre.

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Lässt sich über die Motive der „Palastrevolte“ spekulieren? In der Tat, der Mitgliederbestand der DGI ist kontinuierlich über viele Jahre und insgesamt gesehen drastisch zurückgegangen, und ein Mitgliederbestand unter 600 liegt eigentlich schon unter dem organisatorischen Existenzminimum eines Verbandes. Wollte man quasi in einem „letzten Versuch“ darangehen, die DGI nachhaltig auf Dauer zu stellen?

Dann war die „Palastrevolte“ wahrscheinlich ein ungeeigneter Versuch, weil das Programm des neuen DGI-Vorstandes, soweit es dem Brief der neuen DGI-Präsidentin an ihre Mitglieder hervorgeht, wenig zukunftsfähig erscheint.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Die Bilanz der DGI in den letzten Jahren – O.k., die DGI hat jetzt ein Konzept, aber es ist wenig zukunftsfähig.

 

 

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