Open Password - Dienstag, den 30. Mai 2017


 #206

Tanja Estler-Ziegler – Archivare – Berufsbild – Wolfgang Hempel - Hinrich Enderlein – - Verlag für Berlin-Brandenburg - Zukunft der Informationswissenschaft – Digitalisierung – Wolfgang G. Stock – Dokumentation – Hans-Peter Luhn – Gerald Salton – Wissensrepräsentation – Information Retrieval – Nutzerforschung – Informetrie – Wolf Rauch – Rainer Kuhlen – Norbert Henrichs – Wissensmanagement – Informationskompetenz – Informationsmärkte – Informationswissenschaft Düsseldorf – Informational Urbanism – Library and Information Science


Briefe

Vom merkwürdigen Berufsbild

der Archivare

Zu: „Ich bin keine Archivmaus!“ von Tanja Estler-Ziegler, in: Open Password, 19. Mai

Liebe Frau Estler-Ziegler,

mit Interesse habe ich Ihnen Blog-Beitrag gelesen. Es ist in der Tat erstaunlich, dass es der traditionsreichen Zunft der Archivare offensichtlich nicht gelungen ist, zumindest einer gebildeten Öffentlichkeit klar zu machen, was Archive und Archivare sind.

Anfang der siebziger Jahre musste ich in einem Betrugsprozess in Baden-Baden aussagen. Nach der üblichen Vorstellung Name, Beruf ARCHIVAR, befragte mich der Vorsitzende Richter nach meinen Aufgaben, um dann zu sagen "Wieso haben Sie als Archivar denn diese Zuständigkeiten?“ Ich überlegte, was ich antworten sollte. "Der Präsident des Bundesarchivs mit der Vergütung B... ist auch Archivar"? Lieber nicht. Ich sagte: "Sie verwechseln mich offenbar mit Ihrem Registraturgehilfen." Als 1981 der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Lothar Späth, im Zusammenhang mit einem Fehler, den ein Beamter des Bundes gemacht hatte, anmerkte: "In BW wäre dieser Beamte sofort ins Archiv versetzt worden", habe ich in einem Editorial eines damals von mir im Auftrag der Wirtschaftsarchivare herausgegebenen Pressespiegels auf diese Bemerkung Späths Bezug genommen, über meine Antwort im Gericht hingewiesen und ein Exemplar an die Staatskanzlei geschickt. Auf dem Deutschen Archivtag des gleichen Jahres 1981 hat sich dann der begrüßende Minister Englert entschuldigt und gesagt, Späth habe natürlich die Registratur gemeint.

Der Brandenburgische Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Hinrich Enderlein, hat in seinem Vortrag "Aus-, Fort- und Weiterbidung von Archivaren in Potsdam" auf dem Kolloquium "Archivische Berufsbilder und Ausbildungsanforderungen - 14. bis 16. November 1991" (Protokoll veröffentlicht 1996 als Band 3 der Schriftenreihe POTSDAMER STUDIEN im Verlag für Berlin-Brandenburg  www.verlagberlinbrandenburg.de) auf den Seiten 18/19 ausführlich Zitate zum Beruf des Archivars aus den Jahren 1777 bis 1900 gebracht, die schon ein merkwürdiges Berufsbild ergeben. 

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Arbeit im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv.

 Mit den besten Grüßen Wolfgang Hempel

Zukunft der Informationswissenschaft

Informationswissenschaft und Digitalisierung

Von Wolfgang G. Stock, Düsseldorf

Am Anfang war die Dokumentation, die Dokumentation fachlicher, vor allem wissenschaftlich-technisch-medizinischer und wirtschaftsbezogener Literatur. Das war in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts; und alles war auf Papier. Zur gleichen Zeit entstanden die ersten Computer. Beides zusammen – Dokumentation und Rechnereinsatz – führte zur Institutionalisierung der Informationswissenschaft. Pioniere der Informationswissenschaft wie Hans-Peter Luhn oder Gerald Salton erkannten das Potenzial der Rechner und erprobten automatisierte Verfahren der Dokumentation von Fachinformationen. Es entstanden fachliche Datenbanken (wie Medline) und Aggregatoren solcher Datenbanken (wie DIALOG), die bereits Anfang der 70er Jahre digitale Informationen zur Nutzung über globale Netze anboten. Die Informationswissenschaft ist ein Kind dieser ersten frühen Phase der Digitalisierung.

Digitale Systeme stellen Forscher und Entwickler vor die Aufgabe zu klären, (1.) wie Informationen in ein System hineinkommen und (2.) wie man sie wieder zielgerichtet herausbekommt. Die digitalen Systeme werden (3.) von ihren Nutzern verwendet. Diese drei Aspekte führen zu den drei informationswissenschaftlichen Kerndisziplinen: Wissensrepräsentation (die Wissenschaft, Technik und Anwendung von Methoden, Dokumente und deren Inhalte in digitalen Systemen zu repräsentieren), Information Retrieval (die Wissenschaft, Technik und Anwendung, Dokumente in den digitalen Systemen wiederaufzufinden) und Nutzerforschung (die Wissenschaft der Erforschung des Nutzerverhaltens, der Informationsbedürfnisse sowie der Produktion und Rezeption von Informationen seitens der Nutzer). Flankiert werden die Kerndisziplinen durch eine eigene Messdisziplin, die Informetrie, die die Informationswissenschaft zu einer empirisch vorgehenden Wissenschaft macht.

Am Anfang, also ab den 50er bis in die 90er Jahre, war die Informationswissenschaft neben der Informatik die einzige wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Digitalisierung beschäftigte. Dann nahm die Digitalisierung Fahrt auf: Durch das Internet wurden die Nutzer global vernetzt, Suchmaschinen halfen auf der Suche in riesigen Informationsmengen, Social Media erreichten die privaten Nutzer, und Industrie 4.0 vernetzte physische Dinge (etwa Maschinen) mit der Welt des Digitalen. Die Informationswissenschaft hat die Digitalisierung in ihren Forschungen stets berücksichtigt. Aber andere Wissenschaftsdisziplinen haben das Forschungsobjekt „Digitalisierung” inzwischen auch entdeckt. Die nun einmal sehr kleine Informationswissenschaft steht auf einmal im Wettbewerb mit großen etablierten Disziplinen wie der Informatik, den Sozialwissenschaften und der Pädagogik. Deren Vertretern dürften informationswissenschaftliche Ergebnisse kaum bekannt sein; ja, viele werden von der Existenz der Informationswissenschaft gar nichts wissen.

________________________________________________________________________

Kernthemen der Informationswissenschaft

________________________________________________________________________

Es gibt kaum Zweifel an den Kernthemen der Informationswissenschaft. Sie ist diejenige wissenschaftliche Disziplin, die nach Wolf Rauch die Pragmatik und die Dynamik der Information beschreibt, analysiert und evaluiert. Im Gegensatz zu Daten, die Gegenstand der Informatik sind, beschäftigt sich die Informationswissenschaft mit Wissen und – bei der Übermittlung von Wissen – mit Informationen. Für Rainer Kuhlen ist die Information „Wissen in Aktion” und so ist sie immer dynamisch. „Information ist operatives handlungsrelevantes Wissen”, sagt auch Rauch. Norbert Henrichs definiert die Informationswissenschaft als „die Wissenschaft von der Wissensorganisation“, also als die Wissenschaft der Anwendung und der Nutzung des Wissens. Da Wissen als Inhalt von Information gesehen werden kann, ist die Informationswissenschaft die Wissenschaft vom Information Content, wobei dieser Content heutzutage vorwiegend digital vorliegt. Informationswissenschaft beschränkt sich allerdings nicht ausschließlich auf digitale Informationen, sondern analysiert ebenfalls, beispielsweise im Wissensmanagement, analoge Informationen, die Face-to-Face weitergegeben werden.

Zu den informationswissenschaftlichen Kerndisziplinen gehören Wissensrepräsentation, Information Retrieval, Nutzerforschung, Informetrie sowie anwendungsorientierte Fächer wie Wissensmanagement, Informationskompetenz und die Erforschung der Informationsmärkte. Da Wissen und Information in der derzeit aufkommenden Wissensgesellschaft herausragende Rollen spielen, ist die Informationswissenschaft neben der Informatik eigentlich eine der zentralen Wissenschaften der Gesellschaften des 21. Jahrhunderts.

________________________________________________________________________

Forschungsthemen im Wettbewerb mit anderen Wissenschaften.

________________________________________________________________________

Mit der laufenden Digitalisierung und der anstehenden Wissensgesellschaft tauchen neue Forschungsthemen in der Informationswissenschaft auf. Wir möchten an dieser Stelle einige Beispiele vorstellen, die aus den Düsseldorfer Forschungen hervorgegangen sind.

Evaluation von digitalen Systemen. Systeme digitaler Informationen aller Art betreffen den Arbeitsplatz und das Privatleben vieler Menschen. Es ist wichtig, solche Informationssysteme nach ihrer Usability, ihrer Akzeptanz und ihrem Nutzens zu analysieren und zu bewerten. Es ist eine Aufgabe der Informationswissenschaft, Evaluationsmodelle und -methoden zu etablieren, die disziplinspezifische Grenzen überschreiten und Ansätze aus Wirtschaftsinformatik, Betriebswirtschaftslehre und Marketing ergänzen, um alle kritischen Aspekte von Informationssystemen abzudecken. Die Evaluation von Informationssystemen ist allerdings auch Thema der Erforschung von Human-Computer-Interaction (HCI), das größtenteils in den Reihen der Informatik bearbeitet wird.

Lehr-/Lernsysteme. Blended Learning, Lernmanagementsysteme und MOOCs helfen Lehrenden bei der didaktischen Aufbereitung ihres Stoffes und den Lernenden bei der zeit- und raumunabhängigen Aneignung desselben. Es geht um Methoden der Wissenspräsentation, die für Informationswissenschaftler interessant sind; die hauptsächlich beteiligten Disziplinen sind jedoch Informatik und Pädagogik. Besonders interessant sind Ansätze, die Lehr-/Lernsysteme zur Steigerung der Motivation der Lernenden mit Gamification verbinden, also Spielmechaniken (wie Punkte oder Ranglisten) und Spieldynamiken (etwa Spielregeln und daraus folgende gruppendynamische Prozesse) beispielsweise in der Hochschullehre einsetzen.

Informationsverhaltensforschung. Das Informationsverhalten der Benutzer hat sich seit den 70er Jahren massiv geändert. Zunächst gab es als Forschungsobjekte die Tätigkeiten spezialisierter Informationsvermittler („Onliner”), die im Kundenauftrag Fachinformationen recherchierten. Seit einigen Jahren beschreibt die Informationswissenschaft das Informationssuchverhalten der Endnutzer, d.h. von jedermann (z. B. auf Websuchmaschinen, „Social Media“-Kanälen und professionellen Informationsdiensten). Heutzutage zeigen die Benutzer zusätzlich zum Suchverhalten Informationsproduktionsverhalten beim Kreieren von Texten, Bildern oder Videos auf Social Network Services (SNSs) sowie ein erweitertes Informationsrezeptionsverhalten (Anwenden gefundener Informationen, aber auch Lesen von Posts und Reagieren darauf). Social Media, z.B. asynchrone SNSs wie Facebook oder synchrone SNSs wie YouNow und Periscope bilden neue Forschungsthemen. Nunmehr sind alle Spielarten von Informationsverhalten Gegenstand der Informationswissenschaft – hier allerdings mit großer Konkurrenz seitens Psychologie und Soziologie.

Informationskompetenz. Nicht erst durch „Fake News“ und „alternative Wahrheiten“, die über digitale Kanäle verbreitet werden, ist die Relevanz der Informationskompetenz bekannt geworden. Hier geht es um die Fähigkeiten aller Mitglieder einer Gesellschaft, eigene Wissenslücken zu erkennen, die benötigten Informationen zu recherchieren, zu bewerten und anzuwenden sowie eigenes Wissen verantwortlich weiterzugeben – etwa über Kanäle der Social Media. Insbesondere der Baustein der Bewertung von Wissen und seiner Quellen ist essentiell für die Enttarnung von Falschinformationen. Informationskompetenz wird traditionell als Thema der Bibliothekswissenschaft betrachtet, das aber eng mit der Informationswissenschaft verbunden ist.

Von smarten Telefonen bis zu smarten Städten. Ähnlich wie „Digitalisierung” erfreut sich der Term „Smart” einer weitgehend unreflektierten, aber massenhaften Verwendung als Buzzword. Das Smartphone ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Smarte Aktivitätstracker überwachen unsere Schritte. „Smart” bedeutet dabei, dass in Gegenstände (ein Telefon, eine Uhr usw.) Intelligenz bzw. Wissen integriert ist. In der Wissensgesellschaft entsteht eine neue Art von Städten, nämlich die „informationelle” oder eben „smarte” Stadt. In Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen spielt die Informationswissenschaft eine zentrale Rolle im „Informational Urbanism”, der prototypische Städte der Wissensgesellschaft analysiert und Hinweise darauf gibt, völlig neue Städte mit smarten Elementen auszustatten (wie Songdo in Südkorea) oder alte Städte (wie Oulu in Finnland und Barcelona in Spanien) in Bezug auf „Smartness” zu rekonstruieren. Öl- und Gas-produzierende arabische Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Qatar sehen ihre Zukunft angesichts unsicherer Rohstoffpreise im Aufbau von Wissensgesellschaften. Bei der Erforschung von smarten Städten und Ländern befindet sich die Informationswissenschaft in Kooperation, aber auch im Wettbewerb mit der Urbanistik, der Politikwissenschaft, weiteren Sozialwissenschaften sowie der Geographie.

________________________________________________________________________

Und nun? Was tun?

________________________________________________________________________

Im deutschsprachigen Raum (außerhalb der DDR) hat die Informationswissenschaft niemals die Hürde der kritischen Masse genommen und fristet eine mehr oder weniger klägliche Existenz als exotisches Orchideenfach an den Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Nach Henrichs hat eine so kleine wissenschaftliche Disziplin allein keine Perspektive an den Hochschulen, die heutzutage eher in schlagkräftige größere Einheiten organisiert sind. Man sieht allerdings am Beispiel der Fachhochschulen und durch Erfahrungen in nicht-deutschsprachigen Ländern, dass Informationswissenschaft feste Bindungen mit anderen Wissenschaftsdisziplinen zum Wohle beider Seiten eingehen kann und dadurch die schlagkräftige Größe insgesamt erreicht wird. Solche Allianzen bestehen beispielsweise mit der Bibliothekswissenschaft, die – vor allem in den Vereinigten Staaten – mit der Konzeption der „Library and Information Science“ bereits als Einheit wahrgenommen wird. Auch Verbindungen mit der Informatik („Computer and Information Science“) und mit den Wirtschaftswissenschaften (hier vor allem im Informations- und Wissensmanagement) sind nicht selten. Gefahr besteht in solchen Konstellationen allerdings, dass informationswissenschaftliche Professuren fachfremd (also etwa durch Informatiker) besetzt werden und die Informationswissenschaft vom stärkeren Partner gefressen wird.

Aus dem Archiv

Push-Dienst Archiv 2016/2017

Push-Dienst Archiv 2016 Frisch per E-Mail: Aktuelle Beiträge und Meldungen Mit dem Password Push-Dienst sind sie bestens informiert. Kostenfrei und regelmäßig informiert der Newsletter über die Informationsbranche. Per Klick können Sie den jeweiligen Push-Dienst öffnen. April 2016 Gescheiterter Protest - 5 vor dem Komma - Wochenrückblick Unternehmensbibliotheken zwischen Neupositionierung und Überlebenskampf Welcher Interessensverbund vertritt die Information Professionals? Oh wie schön …

Mehr...

Mit einem Klick 

Danke sagen

Open Password ist kostenfrei. Sie können die Redaktion unterstützen. Wie Sie dies ohne großen Aufwand machen können - lesen Sie hier!

---