Open Password . Montag, den 8. Mai 2017

 #196

Walter Umstätter – BAK – Tanja Estler-Ziegler – Stellenmarkt – Zeitverträge – Berlin-Brandenburg - Wissenschaftliche Bibliotheken – Bibliothek als vierter Ort – Scouting - Recommending – Implementing – Oliver Renn – Informationszentrum Chemie | Biologie | Pharmazie an der ETH Zürich - Axel Ermert - Terminologie

 

Briefe

Mehr Stellenangebote für InetBib,
aber immer mehr
nur für befristete Stellen

Lieber Herr Bredemeier,

die Angabe von Frau Estler-Ziegler “dass wir [im BAK] 2016 80 Stellenanzeigen mehr als 2015 gepostet haben” (Open Password - 5. Mai 2017), hat mich heute sehr beeindruckt. Hinzu kommt, dass auch in Inetbib schon etlichen Teilnehmern aufgefallen ist, dass der Anteil an Stellenangeboten gegenüber sachlichen Themen im Laufe der Jahre anstieg.

Einerseits liegt das aus meiner Sicht daran, dass das Interesse an neuen Stellen immer größer wird, weil wir immer mehr Stellensucher haben. Andererseits hängt es auch damit zusammen, dass immer mehr befristete Stellen für sagen wir durchschnittlich zwei Jahre (Projekte, Mutterschaften, sich wandelnde Aufgaben, vorhersehbare Schließung der jeweiligen Einrichtung) ausgeschrieben werden. Volkswirtschaftlich ist es natürlich sehr fragwürdig, wenn sich Berufstätige im ersten Jahr in ihren neuen Job einarbeiten und bereits im zweiten Jahr nach einer neuen Tätigkeit suchen. Für diejenigen, die dabei beispielsweise an Berlin gebunden sind, ist die Chance einer neuen Beschäftigung natürlich nur sehr viel kleiner als für bundesweit- bzw. weltweit suchende. Hier haben wir ein neues Peter Prinzip (Peter Principle II), bei dem sich Beschäftigte so lange auf befristete Stellen bewerben, bis sie in der Arbeitslosigkeit landen.

Nachdem allerdings um das Jahr 2000 das dbi geschlossen wurde, das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft geschlossen werden sollte, und beispielsweise auch die Informationswissenschaft in Düsseldorf dem Rotstift anheimfiel, ganz abgesehen von den kleinen Bibliotheken, die seit Jahren schließen mussten, wäre es natürlich erfreulich, wenn es nun wieder “nicht ganz so finster” aussehen würde.

MfG Walther Umstätter

 

Bibliotheken

Die wissenschaftliche Bibliothek
als neuer, vierter Ort:

Scouting, Recommending, Implementing

Von Oliver Renn (Zürich)

Zweiter Teil

Der Wechsel von der analogen zur digitalen Information brachte noch keine wesentlichen Veränderungen für die Arbeitsprozesse der Wissenschaftler – wurde doch die bisherige Nutzung von Informationen fast 1:1 ins digitale Zeitalter gebracht. Die Zeitschriften und später der Bücher waren nun elektronisch verfügbar – was bequemer war, aber keine weiteren Änderungen erzwang.

Der entscheidende Schritt kam erst, als es möglich wurde, wissenschaftliche Informationen digital relativ einfach zu analysieren, neu aufzubereiten, neue Zusammenhänge zu finden und so Neues zu entdecken – oder schneller zum Ziel zu kommen als mit herkömmlicher Informationsnutzung. Bei diesem Evolutionsschritt haben sowohl viele Bibliotheken als auch viele Wissenschaftler den Anschluss verloren.

Die Entwicklung zu einer neuen Informationsnutzung vollzog und vollzieht sich rapide. Um Schritt halten zu können, um beurteilen zu können, was sinnvoll ist, was wo, wo und und wann eingesetzt werden kann, ist Fachwissen in der Forschungsdisziplin nötig. Dieses Fachwissen haben zwar Wissenschaftler. Sie finden jedoch nicht die Zeit dafür, zu scouten, zu evaluieren und womöglich zu lizenzieren. Zusätzlich fehlt in der Regel ein Überblick über die Spieler im Markt der wissenschaftlichen Informationen und das Verständnis, wie der Markt funktioniert. Bibliothekare kennen vielleicht den Markt, nicht aber die aktuellen Forschungsprozesse. So bleibt es beim Status quo und bevorzugt wird von beiden Gruppen das Arbeiten mit klassischen bibliografischen Datenbanken – oder eben Google.

Sich auf dem Laufenden halten wird zunehmend schwieriger: Heute gibt es eigentlich fast jeden Tag neue Entwicklungen, die es zumindest wert sind, kurz geprüft zu werden. Ein Scouting ist also nötig, und zwar in dem Sinne, wie manche Firmen Business Intelligence betreiben. Geht es doch darum, Werkzeuge zu identifizieren, die Wissenschaftler in ihrem Forschungsprozess unterstützen. In einer Wissensgesellschaft, in der Daten und Wissen Rohstoff sind, müsste in Unternehmen – und zunehmend auch in der akademischen Welt – sichergestellt sein, dass auch in diesem Bereich Wettbewerbsfähigkeit gegeben ist.

Wird dieses Scouting – im Sinne einer Arbeitsteilung – von der Bibliothek oder den Informationszentren der Universität oder des Unternehmens durchgeführt, verlangt dies andere Fähigkeiten als die von klassischen Bibliotheksspezialisten. Notwendig ist nicht unbedingt der tiefe fachliche Einblick in eine wissenschaftliche Subdisziplin, sondern ein umfassendes Verständnis darüber, wie Forschung genau in dieser Teildisziplin erfolgt, welche Informationen benötigt werden, welche Informationen der Wissenschaftler selbst erzeugt und wann was und wie sinnvoll in Beziehung gesetzt werden kann und muss, damit Informationen einen Mehrwert liefern oder schneller zur Verfügung stehen. Dieses notwendige Wissen um den spezifischen Forschungsprozess können eigentlich nur die haben, die selbst geforscht haben – zumindest nicht vor nicht allzu langer Zeit – und verstehen, wie Informationen heute verarbeitet werden.

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Wie etabliert man Scouting?
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Für ein erfolgreiches Scouting von Tools müssen möglichst viele Informationsquellen genutzt werden: Newsletter, Blogs, Zeitschriften, Zeitungen, Twitter, Presseverteiler, Konferenzen, Websites und vieles mehr. Zeit zum Lesen und Verarbeiten – nach erfolgreicher Filterung – muss natürlich bleiben. Dieser Prozess des Findens wird schwer zu automatisieren sein, da er unspezifisch sein muss. Suchen Unternehmen nach neuen Technologien, z.B. mittels Web Crawlern, um Websites von Start-ups zu finden, ist das vergleichsweise einfach. Es gilt, ein optimales Verhältnis von Precision und Recall zu finden. Das Verwalten der erhaltenen, gefilterten und gesammelten Informationen, die danach in einen Evaluierungsprozess kommen, ist dann wieder einfacher.

Hat man sichergestellt, dass man von neuen Entwicklungen zuverlässig erfährt, kommt der nächste Schritt: das Evaluieren, Ausprobieren, Bewerten und gegebenenfalls, wenn die Spreu vom Weizen gesondert oder die Nadel im Heu gefunden ist, das Verbreiten - durch Schaffen von Awareness-, und die Vermittlung – durch Education & Training.

Wie erreichen nun die neuen Tools (Datenbanken, Apps, Software, Webservices) die Zielgruppe, für die sie relevant sind? Lizenzpflichtige Tools wird man in einem Trial auch mit dem Nutzer klassisch evaluieren und lizenzieren. Aber auch eine Lizenzierung bewirkt, wie die Erfahrung zeigt, nicht automatisch Nutzung.

Die notwendigen Vermittlungsprozesse können sich nicht an der klassischen Informationsvermittlung orientieren, auch nicht am Schulungswesen der IT, da diese Art von Unterweisungen in der Regel auf Ablehnung stoßen. Aus gutem Grund nennt Apple seine Schulungen nicht Schulungen, und Rat gibt es auch nicht am IT-Helpdesk, sondern an der Genius Bar. Doch müssen nicht nur andere Namen gefunden werden, auch die Inhalte und die Art, wie Inhalte vermittelt werden, müssen anders sein. Wie bewirkt man diese dreifache Veränderung?

Wir – im Informationszentrum Chemie | Biologie | Pharmazie an der ETH Zürich – haben versucht, abgestimmt auf die Bedürfnisse der Zielgruppen, neue Formate zu entwickeln, die dem Anspruch als viertem Ort, nämlich für Scouting und nachfolgender Vermittlung, gerecht werden. Deren Namen sollen positive Assoziationen wecken. Und was könnte positivere Assoziationen wecken als Essen und Trinken?

Unser erstes neues Format waren die Coffee Lectures: nur10 Minuten lange „Shows“ zu neuen Informationswerkzeugen, die unterhaltsam präsentiert werden und in denen durchaus auch Wissenschaftler selbst ihre Tools präsentieren können – im Sinne eines horizontalen Wissenstransfers. Dieses Format wird bereits an vielen anderen Bibliotheken eingesetzt. Die Themen sind vielfältig und umfassen alles, was sich im weitesten Sinne mit wissenschaftlicher Information zusammenbringen lässt: von Fachdatenbanken über Google Tool, ResearchGate und LinkedIn bis zu Grundlagen der Gestaltung.

Ein weiteres Format sind die Speisekarten für Wissenschaftler, die Research Grup Menu Cards, aus denen sich die Forschungsgruppen – mit entsprechender Beratung – ein sehr spezifisches Menü zusammenstellen und dabei aus Vorspeisen, Hauptgerichten und Desserts auswählen können. Dieses Format verlangt ein noch tieferes Verständnis für die spezifischen Forschungsprozesse, ein stärkeres Fachwissen und eine größere Vorbereitung.

Ein drittes Format ist die Vorlesung für Doktorierende aus den Bereichen Life Sciences, Chemie, Material- und Gesundheitswissenschaften. Die Inhalte der Vorlesung bilden den typischen Forschungsprozess eines Doktoranden ab und „mappen“ passende Datenbanken, Tools und andere Services zu jedem Prozessschritt. Diese Vorlesung ist vor allem für Doktorierende wichtig, die an der ETH Zürich oft von anderen Universitäten kommen und bei denen nicht der Wissensaufbau stattgefunden hat, mit dem schon im ersten Semester begonnen wird.

Ergänzt werden diese persönlichen Formate durch zwei weitere Verbreitungskanäle. Ein in unregelmäßigen Abständen erscheinendes Magazin, Infozine, berichtet in unterhaltsamer Weise über neue Entwicklungen im ICBP, aber auch über Entwicklungen in der Wissenschaftskommunikation. Mit diesem Magazin zeigt das ICBP seinen Kunden regelmäßig, dass es neue Entwicklungen im Bereich der wissenschaftlichen Information gibt und bringt sich selbst als Skill Center in Erinnerung.

Nicht alle Neuigkeiten sind jedoch für einen großen Verteiler geeignet. Für Neuigkeiten, die nur für eine kleine Zielgruppe von Interesse sind, wurde ein personalisierter E-Mail-Alert entwickelt, Infocus. Um diese interessensbezogenen Informationen zu erhalten, ist eine Registrierung mit einer Festlegung des eigenen Interessenprofils notwendig. Gibt es neue Informationen und somit einen „Match“ zwischen News und Student/Wissenschaftler – wie bei einer Dating-Plattform – wird eine E-Mail im Branding des Informationszentrums verschickt. Informationen erreichen somit nur jene, die sich wirklich dafür interessieren.

Mit diesem Paket an möglichst persönlicher Kommunikation versucht das Informationszentrum den Anspruch des Mittlers, als vierten Ort, wie im ersten Teil beschrieben, umzusetzen und dafür zu sorgen, dass nicht nur die Forschung führend ist, sondern auch die „weiche“ Forschungsinfrastruktur, zu der eben auch wissenschaftliche Informationen und deren Nutzung gehören.Um diesen Veränderungsprozess zu bewältigen braucht es freilich eine Erneuerung der klassischen Bibliothek – weg von der Verwaltung von Informationsressourcen, hin zu Mitarbeitern, die „outgoing“ sind und von Wissenschaftlern akzeptiert werden.

Sicherlich sind die Veränderungen im Bereich der wissenschaftlichen Information in den Naturwissenschaften und der Medizin am weitesten fortgeschritten. Aber auch für alle anderen Fachgebiete gilt, dass Marketing – und Werbung – für Bibliotheken, unter welchen Namen sie sich auch präsentieren, ein Muss geworden sind.


Briefe

Terminologie für
die Dokumentationsarbeit

wir möchten Sie herzlich zu folgender Veranstaltung des „BAK Information“ einladen:

Axel Ermert spricht zum Thema

„Terminologie für die Dokumentationsarbeit: Vocabulary of Information and Documentation“ (Norm ISO 5127:2017)

Im stets sich erweiternden und mit vielen Neuheiten sich füllenden Informationsbereich braucht man manchmal eine Terminologie, um sich aktuell zu orientieren und einen gewissen Gesamtüberblick zu bewahren.

Axel Ermert wird gemeinsam mit Experten die neue Ausgabe der entsprechenden ISO-Norm vorstellen (1.800 Einträge). Er wird nicht nur die Besonderheiten des „Vocabulary of Information and Documentation“ aufzeigen, sondern auch erklären was eine „Terminologie“ ausmacht, wofür man sie braucht/nutzen kann und wie die Definitionen entstehen. Ebenso wird der Bezug zu den Arbeiten der deutschen Gruppe DGI-AKTS Arbeitskreis Terminologie und Sprachfragen (Bearbeiter der „Terminologie der Information und Dokumentation (TID), 2006) hergestellt.

Axel Ermert, geboren 1952, studierte Soziologie und Informationswissenschaft in Berlin. Er war zwischen 1978 und 1994 hauptamtlicher Mitarbeiter im DIN Deutsches Institut für Normung (nationale und internationale Normungsausschüsse in Dokumentation und Terminologie). Seit 1998 arbeitet er am Institut für Museumsforschung – SMB/PK in Berlin im Bereich Museumsdokumentation.

Vortrag und Diskussion finden am Donnerstag, den 11. Mai 2017 um 17:30 Uhr im Institut für Museumsforschung, In der Halde 1, 14195 Berlin statt. Sie erreichen das Institut mit der U-Bahn U3 (Dahlem-Dorf) oder den Bussen X83 (U Dahlem-Dorf) und 110 (Im Dol). Im Anschluss gibt es die Möglichkeit, die sich ergebenden Fragen bei einem Snack und Getränken mit dem Vortragenden zu diskutieren. Die Veranstaltung ist kostenlos. Bitte melden Sie sich unbedingt telefonisch (030-755 183 66) oder per Mail (bak[at]ub.tu-berlin.de) an. Aus Platzgründen können nur 25 Personen an dieser Veranstaltung teilnehmen.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen.

            Mit freundlichen Grüßen Tania Estler-Ziegler, Berliner Arbeitskreis Information (BAK)

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