Open Password - Freitag, den 28. April 2017

 #193

Walther Umstätter - Henrik Schreiber – Fake News – Open Science – Donald Trump – Geheimhaltung – Elisabeth Simon – IJSbrand Jan Albersberg – Cyber War – Wilhelm Fucks – SIPRI – Kalter Krieg – Trollarmeen – George Soros – George Orwell - Verteidigungs- und Entwicklungspolitik – Friedensforschung – Informationswissenschaft – Erwin Rommel


Zukunft der Informationswissenschaft:
Fake News und Cyber War

Informationswissenschaft
für den Informationsfrieden

Von Walther Umstätter

Viele Quellen seien heute nicht mehr erreichbar, weil der Zugang zu ihnen geschlossen worden sei, so Henrik Schreiber in Open Password Pushdienst (27. März 2017). Diese Feststellung ist insofern hervorzuheben, als alle Welt den Eindruck hat, dass uns das Internet immer mehr Informationen frei zugänglich macht. In Wirklichkeit wachsen die Anteile an Fake News, Propaganda und Werbung und nicht zuletzt die Anzahl der von den Autoren bezahlten wissenschaftlichen Publikationen. Das Gefälle zwischen denen, die Wissen haben, und denen, die es nicht bekommen, wächst, weil täglich neues gefiltertes Wissen hinzukommt. Darum wird hierzulande verstärkt über Open Access, Openness, die Open Society Foundations, Open Science und Open Science Policy (Open Password Pushdienst, 10. April 2017) diskutiert. Gleichzeitig breitet sich die Geheimhaltung der militärisch relevanten Wissenschaft in der öffentlich und privatwirtschaftlich finanzierten Forschung aus, während der Anteil publizierter Forschungsergebnisse durch die Sparmaßnahmen Donald Trumps zurückgeht. Kurz, es wird desto mehr über Open Science diskutiert, je mehr Geheimhaltung wir hinnehmen müssen.

Die Entwicklung in Richtung einer zunehmenden Geheimhaltung und Militarisierung ist höchst bedenklich, weil sie die Kriegsgefahr steigert. Darüber hinaus führt sie zu Doppelarbeiten in der Forschung und verhindert eine angemessene Schulbildung und Hochschulausbildung, weil die neusten geheim gehaltenen Erkenntnisse nicht vermittelt werden können. Die Forderung, dass der Umgang mit Wissen den aktuellen Forschungsstand einschließen und dies möglich gemacht werden müsse, war das Fundament der nach dem Weinberg-Report (1963) entstehenden Online-Dokumentation. Dieser ist mittlerweile sogar bei Informationswissenschaftlern weitgehend in Vergessenheit geraten.

Elisabeth Simon zitiert in Open Password vom 27. Januar 2017 IJsbrand Jan Aalbersberg, Senior Vizepräsident bei Elsevier, mit den Worten, „dass es in der Wissenschaftsgemeinschaft auch in einer relativen Betrachtung noch nie so viele schlechte Veröffentlichungen gegeben habe. Viele Papers enthielten offensichtliche Fehler.“ Diese Sicht der Dinge beruht einerseits darauf, dass wir in der digitalen Welt veröffentlichte Fehler und Plagiate immer besser recherchieren können. Andererseits machen immer mehr Wissenschaftler von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch und verzichten auf eine gute Begründung ihrer Thesen. Auch das Peer Reviewing renommiertester Zeitschriften konnte diese Entwicklung nicht aufhalten.

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Der Kalte Krieg wurde durch einen Fake gewonnen, …

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Mit Recht warnen einige Menschen vor der Gefahr eines Cyber War als Dritten Weltkrieg. Nichts erhöht die Kriegsgefahr so sehr wie ein Wissensvorsprung im militärischen Bereich. Dabei wird eine in Zukunft möglich werdende Überlegenheit des Gegners meistens nicht abgewartet, sondern präventiv bekämpft. So beschrieb vor über einem halben Jahrhundert Wilhelm Fucks in seinem Buch „Formeln zur Macht“, dass die Kriegsgefahr am größten sei, wenn zwei Länder etwa gleich mächtig seien bzw. eines der beiden Länder meine, einen momentanen Vorsprung zu haben und die Wiederherstellung des vorangegangenen militärischen Patts verhindern will. Daher zieht jede Erhöhung der militärischen Forschung mit hoher Wahrscheinlichkeit eine weitere Erhöhung in anderen Ländern nach sich, so wie wir zurzeit ein neues Wettrüsten in Südostasien und im Nahen und Mittleren Osten beobachten (SIPRI 2017).

Dagegen waren die Bemühungen um Frieden in der Geschichte der Menschheit immer wieder vergeblich. Aber als die UdSSR im Kalten Krieg mit den USA erkannte, dass die USA mit ihrer Aufrüstung bis hin zur Strategic Defense Initiative (SDI, 1983) uneinholbar davoneilen würde bzw. einen Aufwand erforderlich machte, den die Wirtschaft der Sowjetunion nicht verkraften konnte, muss es die Versuchung gegeben haben, loszuschlagen, bevor die Sowjetunion eine Militärmacht zweiten Ranges geworden wäre. Stattdessen kam es zur Perestroika. Ein Wunder!?

Mittlerweile sind Fake News in aller Munde. Auch wenn es den Vorwurf der „Lügenpresse“ oder die Redensart „Er lügt wie gedruckt“ seit langem gegeben hat, wurde Stammtischgerede und weiterer Unsinn noch nie so rasch und weltweit wie heute publiziert. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass auch das SDI-Programm der USA, das mit zum Mauerfall beitrug, ein Fake war. Die Möglichkeit seiner Realisierung mit Computern und Lasern schien damals plausibel (und entsprechende Informationen dazu wurden an die Öffentlichkeit lanciert). Die Sowjetunion ging von einem bald unaufholbar gewordenen Vorsprung der USA aus, der sich so gar nicht realisiert hätte.

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… was aber die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten auf lange Sicht zerstört hat.
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Hier haben wir also einmal ein Fake mit einem friedensstiftenden Charakter. Dieses brachte allerdings den Nachteil mit sich, dass die Glaubwürdigkeit der USA schwer gelitten hat und die Professionalisierung der Produktion von Fake News weltweit zugenommen hat. Mittlerweile gibt es auf vielen Seiten geradezu Trollarmeen (A. Hug: The Information Battle), die von Spezialisten gesteuert werden, die so ihre Informationskompetenz missbrauchen. Heute weiß niemand mehr, wie er dieser Flut an irreführenden Informationen Herr werden soll. Da dürften die Kampagne der IFLA „How To Spot Fake News“ oder die Arbeiten der von George Soros finanzierten Plattform correctiv.org nur geringe Hoffnung aufflackern lassen – auch wenn sie für Informationsspezialisten Schritte in die richtige Richtung sind.

Vertrauen zu zerstören ist bekanntlich einfach, ein solches wieder aufzubauen erfordert Zeit, viel Geduld und Ehrlichkeit. Insofern sind Fake News fast immer ein Zeichen von Dummheit, weil sie langfristig mit hoher Wahrscheinlichkeit die Kosten für beide Gegner nachhaltig erhöhen. Witzig sind sie nur, wenn die Mehrheit der Empfänger das Wissen haben, den Witz und die Satire zu verstehen.

Dass in einer solchen Welt der auf die Produktion von Fake News spezialisierte Kandidat Donald Trump tatsächlich Präsident der USA werden konnte, kann im Nachhinein weiter bestürzen aber kaum noch verwundern. Selbstverständlich beschuldigt der heutige Präsident alle seine Gegner, sie seien selbst Fake-News-Produzenten. Viele seiner Anhänger sagen sich, er mache nur das, was alle anderen tun würden. Das nennt man den Verfall der gesellschaftlichen Moral. Wir erinnern uns an George Orwells Propagandaministerium, genannt „Ministry of Truth“, das Lüge zur Wahrheit und Wahrheit zur Lüge erklärt (in: „1984“), und daran, dass in der Allegorie des Kommunismus und seiner dialektisch alles nach aktuellem Bedarf umdeutenden Propaganda alle Tiere gleich, aber manche „gleicher“ als die anderen waren (auch George Orwell, in: „Animal Farm“).

Andererseits sind die politischen Versuche zu begrüßen, in der NATO nicht nur ein Drohpotential gegen die Kriegsgefahr aufzubauen und Verteidigungsausgaben und militärische Maßnahmen einerseits und Entwicklungs- und Flüchtlingspolitik auf der anderen Seite als einander ergänzende Bereiche wahrzunehmen. Denn die gegenwärtige Informationsexplosion hat die Unterschiede zwischen Armut und Reichtum weltweit deutlich sichtbar gemacht, was in den benachteiligten Ländern zu enttäuschten Erwartungen führt und die Ausbreitung von Gewalt im eigenen Land und neue Invasionen an Flüchtlingen in die reicheren Länder befördert. Dabei dürften Mauern, auch jene, die Donald Trump zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten bauen will, angesichts eines Verkaufs von mehreren Millionen ziviler Drohnen pro Jahr rasch zu Anachronismen werden.  

Große Teile der Menschheit arbeiten täglich aus Angst vor Gewalt, Krieg, Einbruch und weiteren sie angeblich oder tatsächlich bedrohenden Gefahren daran, ihre Empathie abzustumpfen, indem sie sich in militanten Computerspielen erproben oder Kickboxen und Pistolenschießen üben. Deren Bedeutung lässt sich an den Auflagen von Kriegsspielen und Kriminalromanen sowie an den Einschaltquoten von Fernsehkrimis erkennen. Während sich diese Menschen mehr Sicherheit zu bescheren suchen, erhöhen sie tatsächlich ihr Gewaltpotenzial.

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Open Science ist mehr denn je zur Friedensforschung aufgerufen. Die Suche nach Wahrheit ist ihr Fundament.

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Aus der Wissenschaftsforschung wissen wir, dass die in Kriegs- und Krisenzeiten betriebene Wissenschaft militanter und weniger friedliebend geworden ist. Dabei korrelieren die zunehmende Geheimhaltung in der Wissenschaft, ihre verstärkt kriegerische Ausrichtung und die Menge an verbreiteten Fake News.

Es sind die Wissenschaftler dieser Welt, die mehr denn je aufgefordert sind, um die Wahrheit in der Open Science zu ringen und eine neue Form der Friedensforschung auf den Weg zu bringen. Offene und allgemein zugängliche Friedensforschung sollte das Gebot der Stunde und nicht die geheime Kriegsforschung sein. Damit wir nicht irregeleitet in einen Krieg hineinschlittern, muss den Trollarmeen mit friedlichen Mitteln der Krieg erklärt werden. Die Suche nach Wahrheit sollte ein wichtiges Fundament jeder Friedensforschung sein.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass sich die Informationswissenschaft bislang so wenig um die Bekämpfung der Dummheit als die selbstverschuldete Unwissenheit, die sicherlich eine der größten Geißel der Menschheit ist, gekümmert hat. Auch ist Erwin Rommels Feststellung: „Die, die sich dumm stellen, sind gefährlicher als die, die dumm sind“, zuzustimmen. Dass sich diese neuerdings verstärkt in den Führungspositionen nicht nur autoritärer, sondern auch demokratischer Staaten festsetzen und über unser Leben mit Lügen bestimmen, stimmt außerordentlich bedenklich.

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