Password-Nachrichten, -Analysen und -Berichte - Mittwoch, den 24. Februar 2016

Password-Nachrichten, Berichte und Kommentare - Mittwoch, den 24. Februar 2016

Informationswissenschaft - Informationswissenschaft Düsseldorf - Institutioneller Niedergang - Strategien für die Lehre - Strategien für die Forschung - Willi Bredemeier

Nach dem Düsseldorfer Abwicklungsbeschluss
ein Blick auf die Disziplin

 Die Grenzen der Mobilisierung

Was die deutschsprachige
Informationswissenschaft tun muss,
um dem institutionellen Niedergang zu entgehen

Von Willi Bredemeier

Stellt der Beschluss der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität (Düsseldorf), die Informationswissenschaft abzuwickeln, nur den vorläufigen Höhepunkt eines mittlerweile jahrzehntelangen institutionellen Niederganges der deutschsprachigen Informationswissenschaft dar? Walther Umstätter hat in Open Password dargestellt, welche informationswissenschaftlichen Bereiche Schritt für Schritt eliminiert wurden, begleitet vom teilweisen Untergang der Fachinformationszentren und einem radikalen Rückgang der Aktivitäten und Mitgliederbestände in Verbänden und weiteren freiwilligen Vereinigungen. Über die Entwicklung der Stellen, Budgets und Drittmittelprojekte an informationswissenschaftlichen Lehrstühlen liegen keine Informationen vor. Die Vermutung liegt aber nahe, dass diese vom Prozess überproportionaler Kürzungen in der Informationswissenschaft nicht ausgeschlossen ist.

Die Angst geht um, dass sich dieser Prozess fortsetzen wird, an dessen Ende die deutschsprachige Informationswissenschaft nicht mehr besteht. Verbleibende Restbestände wie "Suchmaschinen" und "Soziale Medien" und "(Diverse) Fragen der Informationsgesellschaft" gehören nicht zwangsläufig den Informationswissenschaften an und ließen sich anderen Disziplinen zuschlagen.

Open Password hat an anderer Stelle dargestellt, dass der bevorstehende Abwicklungsbeschluss zu einer Mobilisierung ohnegleichen geführt hat - der deutschsprachigen Informationswissenschaft und darüber hinaus. Wir haben uns an dieser Mobilisierung beteiligt und heißen sie nach wie vor uneingeschränkt gut. Die Diskussion über diesen Erfolg wäre aber nicht vollständig und wir kämen zu keinem realistischen Gesamtbild, wenn wir nicht auch ihre Grenzen zur Kenntnis nähmen.

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Die Mobilisierung hatte eine entscheidende intellektuelle Schwachstelle. Die gesamte Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft wurde nicht thematisiert. .

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Schwachstellen der Mobilisierung. Es gab auch Schwachstellen der Mobilisierung, beispielsweise taktische:

• Die Mobilisierung setzte zu spät ein, nämlich als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war.

• Sie erfolgte punktuell und fasste die schwierige Gesamtlage der deutschsprachigen Informationswissenschaft nicht in den Blick.

• Es gab Tendenzen, die Mobilisierung auf inneruniversitäre und inner-informationswissenschaftliche Zusammenhänge zu beschränken.

• Insbesondere die Politik und die Ministerialverwaltungen scheinen nicht in die Mobilisierung einbezogen worden zu sein, obgleich letztlich sie es sind, die die Entscheidungen fällen.

• Nun, da der aktuelle Anlass ausgedient hat, besteht die Gefahr, dass der Protest pro Düsseldorf zusammenklappt, obgleich die endgültige Entscheidung, ob die Düsseldorfer Informationswissenschaft abgewickelt wird, aussteht.

• Es ist vergleichsweise leicht, einen Protest zu organisieren, wenn ein Abwicklungsbeschluss von Disziplinfremden kommt und eine dritte Seite zahlen soll. Da würde es wesentlich schwieriger, wenn sich Informationswissenschaftler untereinander über Kürzungen verständigen oder sich auf einen gemeinsamen Bezugsrahmen einigen sollten.

Kommen wir zu den Inhalten. Soweit ich die Stellungnahmen pro Düsseldorf gelesen habe, wurde das Verhalten der Befürworter des Abwicklungsbeschlusses politökonomisch erklärt: So soll bei anstehenden Kürzungsrunden vor allem die Informationswissenschaft abgewickelt werden, weil sie nur über eine kleine Zahl an Truppen verfügt (in Düsseldorf nur ein Hochschullehrer - Professor, der bald vor seiner Pensionierung steht - kaum Befürworter, die einen selbst in Schwierigkeiten bringen könnten). Die Annahme eines opportunistischen Kalküls liegt in der Tat nahe, da Argumente für den Dekan und die Kollegen an der Philosophischen Fakultät keine Rolle spielten. In ähnlich gelagerten Fällen - man denke an die seinerzeitigen Entwicklungen an der FH Potsdam - war das ähnlich.  

Anders als die Befürworter verfügten die Gegner des Abwicklungsbeschlusses über Argumente. Diese folgten zwei Linien:  Die besonderen Verdienste der Düsseldorfer Informationswissenschaft wurden hervorgehoben - unter anderem von Open Password. Bedeutung und Notwendigkeit der Informationswissens chaft wurden mit den Bereichen begründet, die diese Disziplin abdeckt oder abdecken soll, beispielsweise die "Digitalisierung". 

Damit wird die intellektuelle Schwachstelle der Argumentationen pro Düsseldorf deutlich: Die der deutschsprachigen Informationswissenschaften übertragenen "Aufträge" oder die von ihnen beanspruchten Untersuchungsbereiche wurden mit ihrer "Auftragserfüllung" (Ausnahme: die Düsseldorfer Informationswissenschaft) in eins gesetzt.

 Wer weiß, vielleicht wären auch die Fakultätskollegen von Prof. Stock mit einer differenzierteren Sicht in die entscheidende Abstimmung gegangen, wenn die deutschsprachige Informationswissenschaft seit längerem nachgewiesen hätte, dass sie nicht nur interessante Themenfelder besetzt hält, sondern in diesen Bereichen auch über eindeutige Vorteile im Vergleich zu Nachbardisziplinen verfügt und darüber hinaus Exzellentes leistet.

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 Drei Anregungen, um den institutionellen Niedergang aufzuhalten.

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 Ich glaube, dass sich der institutionelle Niedergang der Informationswissenschaften nur aufhalten lässt,

• wenn sich andere Disziplinen, die politischen Stakeholder und die breite Öffentlichkeit überhaupt ein Bild von der Informationswissenschaft machen können (derzeit gibt es ein solches Bild in der Öffentlichkeit nicht);

• wenn sich die Informationswissenschaftler dauerhaft um eine positive Außenwirkung bemühen (nicht als PR-Büro, sondern in einem aufeinander bezogenen kritischen Diskurs, der auch für andere Disziplinen und für Nicht-Wissenschaftler relevant und verständlich ist) und

• wenn sich als Voraussetzung dafür die Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft verbessert.

Auch wenn diese Anforderungen erfüllt würden, bliebe der Weg, den die deutschsprachige Informationswissenschaft in den kommenden Jahren zurückzulegen hat, steinig genug: Das politökonomische Entscheidungsmodell oder Entscheidungen nach dem St.-Florians-Prinzip haben sich weitgehend in der Hochschulpolitik durchgesetzt. Die Wissenschaftsverwaltungen stark haushaltsbelasteter Landesregierungen (wie die von Nordrhein-Westfalen) dürften ihren Sparkurs fortsetzen und zu neuen Abwicklungen auffordern. Währenddessen würden die "Truppen der Informationswissenschaft" nur allmählich und begrenzt zunehmen.

Andererseits sehe ich zu den genannten Anforderungen keine Alternative, wenn die deutschsprachige Informationswissenschaft auf Dauer überleben will.

Was tun? Dazu drei Anregungen verbunden mit der Einladung, in eine Erörterung zu der bisherigen Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft einzutreten, die nach dem Selbstbild der Wissenschaftsgemeinschaft ohnehin vorgesehen ist: 

1.  Eine vergleichsweise positive Bilanz für die deutschsprachige Informationswissenschaft (und benachbarter Studiengänge) lässt sich im Bereich der Lehre ziehen. Darauf ließe sich bei Verbesserungen aufbauen. 

Zwar liegen nur wenige Verbleibsstudien und zusätzlich weitere anekdotische meistens lehrstuhlbezogene Materialien vor. Es scheint aber so, als ob alle Absolventen unterkämen. Auch scheinen diese angesichts der Vielfalt der ihnen zugewiesenen Aufgabenbereiche ziemlich universal einsetzbar zu sein. Es liegen Beispiele einiger Professoren vor, die sich aktiv um den künftigen Verbleib ihrer Studierenden kümmern, beispielsweise über die Vermittlung von Praktika oder indem sie kontinuierlich Gespräche mit potenziellen Arbeitgebern über ihre Anforderungen an Absolventen führen - ohne dass darüber die notwendige Distanz zwischen Wissenschaftlern und Unternehmen und die notwendige Spannung zwischen den Inhalten von Studiengängen und den Anforderungen der Arbeitgeber verloren gehen muss.

Wenn man eine Orientierung informationswissenschaftlicher Studiengänge an die Anforderungen der Arbeitgeber (nicht ihre Befolgung) für notwendig hält, sollte man sich nicht allein auf die individuellen Präferenzen der Hochschullehrer verlassen. Hier wäre ein höherer Verbindlichkeitsgrad wünschenswert. Rundum positive Ergebnisse in den Verbleibsstudien sind die beste Begründung, um die Notwendigkeit informationswissenschaftlicher Studiengänge vor Stakeholdern und in der breiten Öffentlichkeit nachzuweisen. Zudem können Verbleibsstudien wertvolle Anregungen für die Weiterentwicklung von Studiengängen geben.

2.  Die Informationswissenschaft sollte sich auf einen gemeinsamen Bezugsrahmen verständigen. Ein geeigneter Bezugsrahmen lässt sich entwickeln, wenn man von dem Grundbegriff der "Praxisrelevanz" ausgeht. Informationswissenschaft sollte sich auf einen gemeinsamen Bezugsrahmen ausgeht.

Derzeit verfügt die Informationswissenschaft über keine Theorie und noch nicht einmal über einen Bezugsrahmen, die eine zwingende Ableitung von Forschungsthemen und wissenschaftlichen Fortschritt im Sinne aufeinander aufbauender Forschungsergebnisse erlaubten. Unter dem Grundbegriff der Information wird zudem alles und jedes verstanden.

Wohl wählten sich die Informationswissenschaftler teilweise ähnliche Untersuchungsbereiche aus. Diese sind historisch, aus einer systematischen Sicht eher zufällig gewachsen. Das machte zum Zeitpunkt ihrer Entstehung Sinn, weil diese Forschungsbereiche einen Beitrag leisteten, die beruflichen Chancen der Studierenden zu verbessern. Allerdings blieb der Disziplin eine große Heterogenität eigen, was zu einem geringen inneren Zusammenhalt geführt hat. Das wird an dem geringen Grad wechselseitiger Zitationen, am geringen Niveau gemeinsamer Aktivitäten und an Schwächen der Qualitätskontrolle sichtbar.

Ich habe die Proceedings dreier ISI-Tagungen gelesen und in der Mehrzahl der Beiträge aller Tagungen bedeutende Schwächen festgestellt. Als ich diese Ergebnisse veröffentlichte, gab es keine Widerrede, wohl aber einige positive Stimmen. Wie mehrere Teilnehmer der ISI-Tagung in Zadar 2015 mitteilten, war es um die durchschnittliche Qualität der Beiträge dieser Tagung nicht besser bestellt. Anscheinend hatte niemand geglaubt, jemand würde die Tagungsbände wirklich lesen. Noch war jemals daran gedacht, die einzige gemeinsame "Leistungsschau" der deutschsprachigen Informationswissenschaft für die Außenwerbung zu verwenden. Noch hatten sich die meisten entscheidenden Multiplikatoren der Disziplin persönlich dieser "Leistungsschau" gestellt.

Die in einem bedeutenden Maße bestehende Beliebigkeit und Irrelevanz der deutschsprachigen Informationswissenschaft ließe sich eliminieren, wenn sie sich um den Begriff der "Praxisrelevanz" scharte. Um hier auf einen Einwand einzugehen, der mir gegenüber mehrfach in persönlichen Gesprächen erhoben worden ist: "Praxisrelevanz" bedeutet nicht, Wissenschaftlichkeit aufzugeben und Unternehmen und weiteren Interessenten nach dem Mund zu reden. Man kann beides haben, sauberes wissenschaftliches Arbeiten und die Orientierung an die Herausforderungen für Praxisgruppen. Man muss nur die durchschnittliche Qualität des Outputs der Disziplin anheben.

3. Praxisrelevanz, was bedeutet das für eine wenig theoriegeleitete Disziplin? Eine wichtige Möglichkeit unter anderem bestünde darin, sich der aktuellen und den künftigen Herausforderungen für Information Professionals anzunehmen. 

Es gibt sicherlich Fragestellungen und viel versprechende Zielgruppen für Informationswissenschaftler, die nicht die Information Professionals betreffen. Aber eine wichtige Zielgruppe sollten sie schon sein:

• Es bestehen bereits wichtige Zusammenhänge zwischen Informationswissenschaft und Information Professionals - insbesondere über den Arbeitsmarkt. Informationswissenschaftlicher haben immer wieder Beiträge geschrieben, die für Information Professionals wichtig sind. Es bestehen mannigfache persönliche Kontakte, so dass sich auf Bestehendem aufbauen ließe.

• Bei den Information Professionals handelt es sich, wenn es um ihre zentralen Sorgen geht, um eine weitgehend von der Informationswissenschaft und auch von anderen Disziplinen unversorgten Gruppe.

• Eine Beschäftigung mit den Herausforderungen für Information Professionals führt zu frühen Erkenntnissen allgemeiner Trends und zur Entdeckung von Zusammenhängen in Informationswirtschaft und Informationsgesellschaft, auf die die anderen Disziplinen weniger leicht kommen. Damit verbunden entstehen Chancen, neue viel versprechende Forschungsbereiche als erste zu entdecken und sich dort vor anderen zu positionieren.

Dass die Informationswissenschaft die Herausforderungen für Information Professionals nahezu systematisch vernachlässigt hat, lässt sich auch an einer "Shortlist" viel versprechender Forschungsfragestellungen erkennen:

• Wandel der Anforderungsprofile und Konsequenzen für Aus- und Weiterbildung

• Survival Strategies und Erfolgsfaktoren für innerbetriebliche Informationszentren

• Kernkompetenzen und Expansionmöglichkeiten in benachbarte Geschäftsbereiche

• Chancen und Erfordernisse eines innerbetrieblichen und Branchenmarketing

• Optimierung des Spannungsfeldes zwischen Informationsanbietern und Informationsnutzern

• Die Märkte für Informationsvermittlung und -analysen.

Selbstverständlich käme es auch bei diesen Fragestellungen auf die Qualität der Beiträge an. Hier müsste die Informationswissenschaft, wenn sie über die Praxis schreibt, ihre aus Fachinformationszeiten überkommene Tradition aufgeben, lediglich die "Stimme der Herrschenden und Zuwendungsempfänger" zu sein und ein ergänzendes kritisches Potenzial aufbauen und nutzen.          

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