Open Password - Mittwoch, den 12. April 2017

#187

Fake News – Populismus – Autoritarismus – George Soros – Offene Gesellschaft – Elisabeth Simon – Erda Lapp – European Central University – Digitale Information & Manipulation – Dirk Lewandowski – Wolfgang Sander-Beuermann - SUMA

 

Editorial

Die Central European University
vor der Schließung

Wird der Siegeszug der offenen Gesellschaft auch in den Bibliotheken zunichte gemacht?

Lieber Password-Leser,

nach dem Fall der Berliner Mauer (1989) schien es eine Weile nur positive Nachrichten zu geben. Die liberalen Demokratien und mit ihnen die Offenen Gesellschaften befanden sich auf einem schier unwiderstehlichen irreversiblen Vormarsch (glaubten wir). Die Europäische Union galt als Erfolg, in die die osteuropäischen Länder unbedingt hineinwollten. Mahnungen der Politiker, wir müssten ständig bereit sein, die Demokratie zu verteidigen, klangen wie Fensterreden. Die Wissenschaft blühte und die Politik hörte (gelegentlich) auf sie.

Heute, im Zeichen von Fake News, Populismus und Terrorismus als Vorwand für den Abbau von Bürgerrechten und den Ausbau autoritärer Systeme, befindet sich Europa im Belagerungszustand. Wenn Aussagen danach bewertet werden, nicht ob sie wahr sind, sondern ob man damit durchkommt, sind die Grundlagen von Bildung und Wissenschaft in Gefahr. Längst befindet sich der Autoritarismus, der dies alles vertritt, auch innerhalb der EU auf dem Vormarsch, dies im besonderen Maße in Polen und Ungarn. Sollte Marine le Pen die französischen Präsidentschaftswahlen gewinnen, ist die EU, so wie wir sie bislang gekannt haben, tot und werden es die Werte, die wir für selbstverständlich gehalten haben, sehr schwer haben. Aktuell erscheinen die Chancen der Front National im Kernland der universalen Menschenrechte höher als die seinerzeitigen Erfolgschancen von Donald Trump.

Als die osteuropäischen Länder die liberale Demokratie und ihre Werte für eine Weile übernahmen oder zu übernehmen schienen, half der gebürtige Ungar und spätere Amerikaner, der Milliardär George Soros, und seine Helfer, neue Institutionen zu schaffen und bestehende so zu reformieren, wie sie eine offene Gesellschaft benötigt. An vorderster Front wirkten dabei zwei Autorinnen von Open Password mit, Elisabeth Simon, damals Leiterin der Auslandsstelle des Deutschen Bibliotheksinstituts, und Erda Lapp, heute Direktorin der Universitätsbibliothek der Ruhr-Universität Bochum. Mit welchem Enthusiasmus dies damals betrieben wurde und mit welcher Begeisterung die Boten einer Offenen Gesellschaft empfangen wurden, im Besonderen in den Bibliotheken – dies wird in dem folgenden Beitrag von Elisabeth Simon deutlich.

Der zentrale Leuchtturm von George Soros für seine Förderung einer Offenen Gesellschaft in den osteuropäischen Ländern ist die von ihm gegründete Central European University in Budapest. Diese hat mittlerweile eine hohe internationale Reputation errungen. Wenn nun der Berliner Tagesspiegel meldet: „(Der ungarische Ministerpräsident) Orban rechnet mit seinem Hauptfeind ab – das ungarische Hochschulgesetz beerdigt praktisch die von Georg Soros gegründete Central European University“ (indem ein administrativer Vorwand erfunden wird, um die CES zu schließen), so ist dies ein weiterer offener Angriff des Autoritarismus auf die Werte, die wir vertreten. Nach dem Fall der CES werden es die Autoritäten noch leichter haben, weniger bekannte Institutionen zu schließen oder die Uhren für sie zurückzudrehen.

Was sollen wir dazu sagen? Wir sind abermals bereit, nach Osteuropa (oder wohin auch immer) zu ziehen und die Werte der Offenen Gesellschaft gemeinsam mit den Leuten vor Ort, die hoffentlich so begeisterungsfähig wie in den 90er Jahren geblieben sind, zurück in Kraft zu setzen.

                                                                                                 Herzlichst Ihr Willi Bredemeier

Der Osten

Mit Soros Hilfe die „Open Society“
zurück in die osteuropäischen
Bibliotheken gebracht

Was für ein Enthusiasmus
für die „Offene Gesellschaft“

- bis die autoritären Regierungen kamen

Von Elisabeth Simon

Während der europäische Kontinent den antidemokratischen Gewässern entgegendriftet, hat mich die Nachricht von der wahrscheinlich bevorstehenden Schließung der Central European University besonders erschüttert. 

Als das östliche Europa nach dem Fall der kommunistischen Mauer in ein Meer von Unsicherheit und Depression auf der einen Seite und durch Überwältigung angesichts scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten auf der anderen Seite zu ertrinken drohte, öffnete George Soros mit seiner Open Society eine Brücke zur Informationsgesellschaft, wie sie sich in den westlichen Ländern herausgebildet hatte. Der US-Amerikaner war ein Mäzen, der seine Mittel nicht immer auf konventionellen Wegen erworben hatte, in seinem Falle auch mit Spekulationen gegen das britische Pfund. Aber wie sich zeigte, stand er fest in der Tradition der Aufklärung und seiner US-Wahlheimat mit ihrem groß angelegten Netzwerk aus Bildungseinrichtungen, Universitäten und auch Bibliotheken!

Soros förderte und gründete Schulen, Universitäten und Programme, die Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in die neue Welt einführen. Ein Netzwerk von regionalen Büros vor Ort mit Vertretern aus den jeweiligen Ländern koordinierte die Tätigkeiten. Ihr Einfluss war riesig, von Kirgistan, wo Soros die Belebung und Finanzierung des gesamten kulturellen Lebens einschließlich der Schulen übernahm, bis auf Russland, in dem Workshops und Kongresse mit seiner finanziellen Hilfe organisiert wurden. Unvergesslich jener Workshop in Kamtschatka, an dem ich teilnehmen durfte und in dem Vertreter aus den Südstaaten der USA, Repräsentanten aus Moskau und den russischen Regionen und Deutschland über demokratische Grundstrukturen, deren ständige Gefährdung und die Notwendigkeit, sie hochzuhalten, zu nächtelangen Gespräche kamen.

Für Soros standen der aufklärerischen Tradition der USA folgend Bibliotheken im Vordergrund seines Interesses. Dabei ging es ihm vor allem um die Menschen in Bibliotheken, nicht um die Gebäude oder die Bestände. Er warb darum, dass sich die Bibliotheken vorrangig um ihre Klienten, Kunden, Besucher kümmerten, ihnen zuhörten und auf sie hörten. Welch eine Revolution für eine Bibliothek, die ihre Besucher zuvor gegängelt und ihnen gesagt hatte, was sie gefälligst zu lesen hatten und nicht lesen durften! Zum Teil waren sie selbst gezwungen worden, Bücher nach ihrem Gewicht einzukaufen. Welch ein Wandel auch im Berufsbild des Bibliothekars von einem Verwalter und Hüter der Schätze mit der Schlüsselgewalt zum offenen Dienstleister für Informationen!

Wir haben damals Seminare mit Bibliothekaren mit finanzieller und konzeptioneller Unterstützung von Soros in Kirgistan und Litauen, in Kasachstan und Lettland durchgeführt. Wir, das waren Erda Lapp, die heutige Direktorin der Universitätsbibliothek Bochum, und ich, damals Leiterin der Auslandsstelle des Deutschen Bibliotheksinstituts. Diese Seminare gehörten zu den lebendigsten, die ich je erlebt habe, so groß war die Begeisterung unter den Teilnehmern. Und wir waren gleichfalls begeistert, nicht nur über unsere Teilnehmer, sondern auch die von Soros gesetzten Rahmenbedingungen. Mit einem Minimum an bürokratischem Aufwand! Keine umständliche Untersuchung durch ein Jurorenteam. Keine langseitigen Anträge auf Bezuschussung und keine beschönigenden Berichte. Wie viele Kontakte ergaben sich, die in alle Ewigkeit hätten halten können, aber leider hatten wir nicht die Ressourcen, um sie alle zu pflegen. Aber es wurde auch dank Soros eine fruchtbare Saat gesät, die über die Bibliotheken in den betreffenden Ländern Mut machte, sich zu offenen Gesellschaften weiterzuentwickeln.

Die Central European University hat in den wenigen Jahren ihrer Existenz eine hohe internationale Reputation in Forschung und Lehre erworben. Sie ist ein Leuchtturm für Internationalität, für den freien wissenschaftlichen Austausch und für Bibliotheken als Agenten der freien Informationen – nicht nur für Ungarn, sondern für ganz Osteuropa und den gesamten Kontinent. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn dort das Licht ausginge und als Folge die ohnehin weniger sichtbaren Bibliotheken geschlossen würden oder zu Vertriebsstellen für Regierungspropaganda in autoritär geführten Ländern degenerierten.

Wo aktuell so viel auf dem Spiel steht, was sagen unsere Wissenschaftler dazu? Was sagt die Leibniz Gemeinschaft?

Lesen Sie in der nächsten Folge: Wie sich die osteuropäischen Bibliotheken zur Offenen Gesellschaft bekehrten.

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Briefe

Lichtblick in digitaler Einfalt:
„Digitale Information und Manipulation“

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder und Interessenten von SUMA-EV & MetaGer,

in Deutschland und ebenso in Europa gibt es kaum Forschungseinrichtungen oder Institutionen, die sich mit Suchmaschinen, digitaler Informationssuche und deren Manipulation beschäftigen.  Auch die meisten Universitäten und Hochschulen handeln nach dem Motto: "Wir haben ja Google - was brauchen wir mehr".

Ein Lichtblick in dieser informationellen Einfalt ist das Department Information an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) unter der Leitung von Prof. Dr. Dirk Lewandowski.  Dort findet vom 20. April bis 22. Juni 2017 immer donnerstags von 18:00 - 19:30 Uhr eine öffentliche Ringvorlesung unter dem Titel "Digitale Information & Manipulation" statt.  Das Programm und die Ankündigung der HAW finden Sie im  Folgenden (oder unter http://ringvorlesung.info/).“ Siehe auch Open Password vom 11. April.

                                                                                Wolfgang Sander-Beuermann, Hannover

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