Open Password - Freitag, den 17. Februar 2017

#164

Rudolf Mumenthaler – ZHB Luzern – ZB MED – HTW Chur – Informationswissenschaft Düsseldorf – Bibliotheken – Informationswissenschaft – Library & Information Science – Zukunft der Bibliotheken – Communities – 4 Spaces - Schweiz

Rückblick 2016 - Ausblick 2017

Information Professional  des Jahres:
Rudolf Mumenthaler

Die Bürgerbewegungen der Professionals
haben nach 2016 bessere Chancen

Die Würdigung

Rudolf Mumenthaler ist Professor für Library Science an der HTW Chur und wird in diesem Jahr als Leiter an die ZHB (Zentral- und Hochschulbibliothek) Luzern wechseln. 2016 war er der richtige Mann, der sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort befand, indem er die Kampagne zur Rettung der ZB MED mit in Bewegung setzte und um den sich der Widerstand gegen die Abwicklung der ZB MED kristallisierte. Mumenthaler elektrisierte die Redaktion von Open Password, als er dem Sinn nach sagte, dass Bibliotheken keine Forschungsinstitute seien. Nicht, dass es sich dabei um eine bahnbrechende Erkenntnis gehandelt hätte. Aber eine scheinbare Selbstverständlichkeit zu sagen, schien zuvor in einer fast ausschließlich nach den Vorgaben der Leibniz Gemeinschaft funktionierenden relevanten Öffentlichkeit nicht möglich zu sein.

Der Informationswissenschaft, der Informationsbranche und in weit geringerem Maße den Bibliotheken ist in früheren Jahren mangelnde Handlungsfähigkeit attestiert worden. Dies wurde 2016 durch die zwei ersten Bürgerbewegungen der Professionals in unserer Branche, erst zur Rettung der Informationswissenschaft in Düsseldorf, dann - eindrucksvoller und erfolgreicher - zur Rettung der ZB MED, widerlegt. Der Beschluss zur vorläufigem Weiterförderung der ZB MED wäre nach Ansicht von Beamten aus den zuständigen Ministerialverwaltungen ohne die Mobilisierung der Professionals nicht möglich gewesen.

Wohl ist eine Wiederholung dieser Erfolge in den kommenden Jahren nicht ohne weiteres möglich. Dafür bedarf es nach wie vor günstiger Umstände. Und dennoch: Dank Rudolf Mumenthaler und seinen Mitstreitern werden es neue Formen der Partizipation und Bürgerbewegungen der Professionals einschließlich ihrer Potenziale zum Widerstand leichter haben.  

Das Interview

Wir sprachen mit Mumenthaler über das Verhältnis zwischen Bibliotheken und Wissenschaft, über die Kampagne zur Rettung der ZB MED, über die Zukunft der Bibliotheken und über die Krise der Informationswissenschaft.

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Bibliotheken und Wissenschaften – eine verbesserungsbedürftige Allianz?

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Sie sind dabei, von der Informationswissenschaft in Chur zur Bibliothekspraxis in Luzern zu wechseln? Warum? Genauer gesagt, wechsle ich von der (angewandten) Bibliothekswissenschaft in die Bibliothekspraxis. Dieser Schritt ist dann schon näherliegend, zumal ich mein Wissen und meine Erfahrung in meiner engeren Heimat und einer wichtigen Bibliothek anwenden kann. Mich reizt die Herausforderung, eine doch recht große Institution (Kantons-, Universitäts- und Hochschulbibliothek) in den Zeiten des tiefgreifenden Wandels zu leiten und dies zusammen mit motivierten Mitarbeitenden zu tun.

Was nehmen Sie aus Ihrem Institut für die Bibliothekspraxis mit? Was wollen Sie dort vor allem realisieren? Ich habe mich viel mit Innovation und dem Wandel, mit Nutzerforschung und aktuellen Trends sowie mit Strategieentwicklung befasst. Zudem sind semantische Anwendungen und Repositorien ein Schwerpunkt im Institut, die auch in der Praxis relevant sind. Zunächst wird es an der ZHB Luzern um die künftige strategische Ausrichtung gehen, die ich gemeinsam mit den Mitarbeitenden angehen werde. Wobei dies in Zeiten knapper finanzieller Ressourcen geschieht. Es wird also auch darum gehen, gewisse Dinge nicht mehr zu tun, damit Ressourcen für neue Angebote frei werden können. Ich habe in den letzten fünf Jahren die Entwicklung eher aus wissenschaftlicher Perspektive verfolgt, jetzt geht es darum, die Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen.

Wie schauen Informationswissenschaft und Bibliothekspraxis aufeinander? Aus Sicht der Informationswissenschaft scheinen die Bibliotheken ja eher Dinosaurier, die sich irgendwie in die digitale Welt gerettet haben und dort bald untergehen würden. Doch Bibliotheken sind komplexer als viele Informationswissenschaftler sie sehen. In Bibliotheken geht es nicht nur um die publizierte Information, um Medien und ihre Vermittlung – es geht auch um Menschen, um Nutzerbedürfnisse, um gesellschaftliche Aspekte wie Partizipation und Ermächtigung und es geht auch um den Raum, in dem diese spannenden Dinge geschehen. Den Bibliotheken kann die Informationswissenschaft – im Sinne von Library and Information Science – fundierte Grundlagen für ihr Handeln liefern.

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Wissenschaftliche Bibliotheken sind keine Forschungsinstitute, sondern zur Unterstützung von Forschung und Lehre da.

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Wir waren ja in diesem Jahr zur Rettung der ZB MED unterwegs. Wie beurteilen Sie den Verlauf der Kampagne? Waren wir erfolgreich? Na ja, wir haben eine beeindruckende Mobilisierung geschafft, die schließlich (mit) dazu geführt hat, dass sich das Land und der Bund klar für eine Übergangslösung stark gemacht haben. Aber die Mechanismen in der Leibniz-Gemeinschaft und in der Wissenschaftsförderung funktionieren nach starren Regeln. Und da waren die Entscheide schon gefallen. Eigentlich war die Aktion zu spät – doch im Voraus wäre eine solche Mobilisierung wiederum nicht denkbar gewesen. Vielleicht hilft es für ein anderes Mal.

Die Vertreter der Wissenschaftsorganisationen dürften erstaunt zur Kenntnis genommen haben, dass Bibliotheken vielleicht doch nicht einfach Forschungsinstitute sind. Meiner persönlichen Überzeugung nach sind Wissenschaftliche Bibliotheken primär zur Unterstützung von Lehre und Forschung da. Gerade im Bereich Forschungsdatenmanagement und beim Einsatz semantischer Verfahren für die Erschließung von Inhalten bieten sich wichtige Aufgabenfelder. Ich sehe da eher die Sinnhaftigkeit von Kooperationen mit Forschenden und Forschungseinrichtungen als einen spezifischen Forschungsauftrag für Bibliotheken.

Lässt sich so etwas wie diese Mobilisierung wiederholen? Oder ist eine Mobilisierung der Branche nur bei Vorliegen ganz bestimmter Umstände möglich, die eher selten gegeben sind? Ich vermute, dass eine Mobilisierung nur bei schon zu weit fortgeschrittenem Abwicklungsprozess möglich ist. Und oft können die Direktbetroffenen selbst nicht aktiv werden. Im Umfeld der ZB MED war ich es als externes und ausländisches Mitglied des mittlerweile aufgelösten Beirats, der ohne Rücksichtnahme auf die Gremien der Gemeinschaft und Trägerschaft aktiv werden konnte. Wer selbst in einer Leibniz-Organisation arbeitet, kann da nichts tun. Die Spielregeln sind dort so festgelegt, dass sich Betroffene nicht selbst wehren können.

Nur haben diese Spielregeln gerade bei der Leibniz-Gemeinschaft den Fehler, dass sie Bibliotheken (und andere Infrastruktureinrichtungen) nach denselben Verfahren wie Forschungseinrichtungen behandeln. Damit wird man diesen Infrastruktureinrichtungen nicht gerecht – und man läuft Gefahr, dass letztlich die Qualität der Dienstleistungen abnimmt.

Wenn die Leibniz Gemeinschaft nicht nur bei der ZB MED, sondern auch bei anderen angeschlossenen Einrichtungen Bibliotheken mit Forschungsinstituten verwechselt, müsste man nicht eine Debatte über die gesamte Politik der Leibniz-Gemeinschaft führen? Im Prinzip ja. Aber ich wüsste nicht, wer diese Debatte führen könnte. Aus persönlicher Sicht kann ich dazu sagen, dass ich mich für diese Grundsatzdebatte nicht zuständig fühle. Im Gegensatz zur ZB MED, wo ich eine klare Rolle (als Beirat) hatte und erkannt habe, dass es meine Aufgabe ist zu handeln.

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Neue Dienste partizipatorisch entwickeln – Erschließung kooperativer gestalten – Elektronische Medien vom Nutzer her denken.

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Es werden ja viele Debatten zur Zukunft der Bibliotheken geführt. Was ist Ihre ganz persönliche Position dazu? Ich finde den Wandel spannend, und es ist logisch und wichtig, dass man sich Gedanken über die Zukunft macht. Nur denken viele in gar einfachen Mustern. Die jüngsten Untersuchungen, die wir gemacht haben, zeigen jedoch, dass sich gerade die Nutzer von Bibliotheken weniger für Trends interessieren. Sie nutzen Bibliotheken häufig in einem recht traditionellen Sinn. Es ist also entscheidend, dass wir bei der Weiterentwicklung die Nutzer beteiligen und neue Services mit ihnen zusammen entwickeln. Ich sehe aber auch große Veränderungen auf die Arbeit in Bibliotheken zukommen. Es gibt verschiedene Aufgaben, die wir wirklich von Grund auf neu denken und planen müssen. Ich denke da an die ganze Erschließung, die viel stärker kooperativ erfolgen muss oder an die Art, wie elektronische Medien angeboten werden. Hier hat sich ein Geschäftsmodell etabliert, das nicht vom Nutzer her gedacht ist. Bibliotheken sollten hier die Hoheit über die Inhalte übernehmen, damit wir die Services nutzerfreundlicher gestalten können.

Da ich gerade Lankes mit aus dem Amerikanischen übersetzt habe, was halten Sie von der folgenden These: Bibliotheken sind dazu da, eine Community aufzubauen und ihr zu dienen?  Der Aufbau von Communities ist ein Anliegen, das wir vor allem aus Nordamerika und Skandinavien kennen. Wir sind gerade in einem Forschungsprojekt mit skandinavischen Partnern, für die es eine Selbstverständlichkeit ist, dass Bibliotheken Raum bieten für die Gemeinschaft und auch für den politischen Diskurs. Das kennen wir weniger. Ich denke, dass die soziale Funktion - die Bibliothek als für alle offenen Ort - eine wichtige Rolle spielt und auch in Zukunft spielen wird. Wenn wir amerikanische oder skandinavische Konzepte übernehmen wollen, sollten wir aber unsere eigenen sozialen und politischen Strukturen beachten und die Konzepte entsprechend adaptieren. Richtig und wichtig finde ich dabei, dass wir die Nutzer aktiv einbeziehen und mit ihnen gemeinsam Dinge erarbeiten. Das führt dann dazu, dass sich Communities bilden können. Momentan finde ich übrigens immer noch das 4 Spaces Modell der dänischen Kollegen für fruchtbar. Der Aspekt der Community wird hier mit dem Meeting Space berücksichtigt. Wobei ich das nur für eine von mehreren wichtigen Aufgaben von Bibliotheken halte.

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Informationswissenschaft: Selbstbewusst auftreten und sich selbst einen sinnvollen Schwerpunkt setzen.

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Wenn Sie aus der Schweiz auf die deutsche Informations- und Bibliotheksszene schauen, welche Unterschiede ergeben sich da? In der deutschen Schweiz pflegen wir einen regen Austausch mit der deutschen Szene, was sich nicht zuletzt an der hohen Schweizer Beteiligung an den Bibliothekartagen zeigt. Es gibt einige gemeinsame Herausforderungen, wie zum Beispiel der Abbau von Ressourcen, eine Entwicklung, die mittlerweile auch die Schweiz erreicht hat. In der Schweiz führen wir gerade eine Diskussion über einen gemeinsamen Bibliotheksverband für Öffentliche und Wissenschaftliche Bibliotheken. Ich finde es gerade im Hinblick auf den politisch-wirtschaftlichen Druck sehr wichtig, dass wir mit einer Stimme sprechen und auftreten können. Und da sind wir in der Schweiz einer Lösung wohl etwas näher. Und wenn Sie nach der Schweizer Informationsszene fragen, stelle ich die Gegenfrage: Welche Informationsszene? Ich nehme keine solche wahr.

Befinden sich die Informationswissenschaften in einer Krise und was sollte man gegebenenfalls tun? Allein das Stellen der Frage zeigt, dass sich die Informationswissenschaften offenbar in einer Sinnkrise befinden. Ich denke, dass sie von der Entwicklung überrumpelt wurde. Eigentlich müsste man genau diese Chance nutzen, dass sich die Bedeutung von Information, vor allem in digitaler Form, so massiv vergrößert hat. Und die Branche diskutiert noch immer darüber ob wir von -wissenschaft oder -wissen-schaften reden sollen oder auf welchem theoretischen Fundament man das Ganze aufbauen sollte. In der Zwischenzeit wachsen die Institute für Information Science, Big Data, Digital Humanities usw. aus dem Boden. Insofern expandiert die Information Science gerade gewaltig – nur haben die bisherigen Informationswissenschaftler Mühe, sich in diesem Umfeld zu behaupten.

Meine Empfehlung? Selbstbewusst auftreten, sich mit den neuen Entwicklungen befassen, sie kritisch hinterfragen und begleiten und dann für sich selbst einen sinnvollen Schwerpunkt setzen. Ich finde es absolut entscheidend, dass sich die einzelnen Informationswissenschaftler aktiv an fachlichen und gesellschaftlichen Debatten beteiligen. Wir müssen uns einmischen, wir müssen mit fundierten und klaren Aussagen auftreten und auf allen Kanälen aktiv mitdiskutieren. Wer sich hinter seinem Schreibtisch versteckt oder sich nur im Hörsaal äußert, wird nicht wahrgenommen.

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