Open Password - Mittwoch, den 15. Februar 2017

#163

Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg – Anbieter und Anwender – Broker – Information Professionals – Michael Klems – Willi Bredemeier – Sigrid Riedel – Jochen Lennhof – Henrik Schreiber – WTI Frankfurt – Minesoft – Recherche und Beratung – Thomson Reuters – Internationale Informationsanbieter – Clarivate Analytics – Dow Jones/Factiva – LexisNexis – FIZ Karlsruhe – Preispolitik


Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg:

Information Strategies and Solutions
in Challenging Times

Die auf der „Steilvorlagen“-Veranstaltung gesprochenen Texte können im Podcast unter www.infobroker.de/podcast gehört werden. Bei den Veröffentlichungen in Open Password handelt es sich um publizistische Auswertungen und eine Auseinandersetzung mit den Inhalten. Dazu gehören auch Gewichtungen und Interpretationen.

Die Debatte

Gesprächsrunde zwischen Anbietern und Anwendern bleibt vielversprechendes Format


Brokern mit weniger als zehn Vermittlern

droht das Aus


„Können wir uns die Flatrate,

die wir zum Überleben brauchen,
gerade noch leisten?“

Zusammenfassung und Kommentar

Neues Format auf der Steilvorlagen-Veranstaltung: die Diskussionsrunde „Anbieter und Anwender im Gespräch – Versorgung der Wirtschaft mit Technik- und Patentinformationen“. Die Debatte entwickelt sich insoweit zu einem Krisengipfel, als eine Vielzahl von kritischen Problemgrößen benannt und zumindest den kleineren Brokern (mit neun Mitarbeitern und weniger) das „Aus“ vorhergesagt wurde. Die Informationsbranche wird überleben, aber es bleibt für alle Player auf den Informationsmärkten schwierig und wir bleiben auch in den kommenden Jahren in einem „Uphill Struggle“ oder in einem Hamsterrad gefangen.

Nach der Veranstaltung werden wir unter Anspielung auf den diesjährigen Titel der „Steilvorlagen“ gefragt, wo die Lösungen geblieben seien. Wir antworten, die große Lösung zur Rettung der Informationsbranche zu finden und eine tolle Umsetzung dazu, wäre nicht wünschenswert gewesen. Denn diese scheinbar großen Würfe müssten, nachdem wir jahrzehntelang darüber diskutiert haben, falsch sein. Wir halten es bereits für verdienstvoll, uns um eine klare Zustandsbeschreibung der gegenwärtigen Lage zu bemühen, da zwischenzeitlich an nachgeordneten wenn nicht abwegigen Fragen herumgedoktort und die gegenwärtige Lage durch diffuse Formulierungen undeutlich gemacht wird. Aber etwas andere Gewichtungen als in der Vergangenheit vorzunehmen, um sich an aktuelle Entwicklungen anzupassen, das eine und andere Instrument zu schärfen und ein neues für den Instrumentenkasten zur Besserung der Lage zu entwickeln, das wurde in dieser Debatte sehr wohl geleistet. Insoweit halten wir die Gesprächsrunde zwischen Anbietern und Anwendern auch nach dem ersten Lauf für ein viel versprechendes Format.

Über die Teilnehmer

Es fragen (und antworten): Michael Klems (infobroker.de und Open Password, Sonthofen) und Willi Bredemeier (Open Password, Hattingen). Es antworten (und fragen) Sigrid Riedel (WTI Frankfurt), Jochen Lennhof (Minesoft, Düsseldorf) und Henrik Schreiber (Recherche und Beratung, Heidelberg).

Sigrid Riedel ist Vorstand der WTI eG in Frankfurt. Sie sagt: „WTI versorgt Fach- und Führungskräfte aus Industrie, Forschung und Lehre professionell mit weltweit erscheinenden aktuellen Technik- und Business-Veröffentlichungen. WTI ist unabhängig und bietet einen verlagsübergreifenden Zugang zur Fachinformation, national wie international. Damit unterstützen wir den Wissenstransfer von der Forschung in innovative KMUs, die mit ihrer Innovationskraft den Standort Deutschland stützen. Als Vorstand von WTI ist es mir ein besonderes Anliegen, dass die Branche der Informationsvermittlung im Zeitalter der Digitalisierung und wachsenden Informationsflut sichtbar ist und sich in der öffentlichen Diskussion Gehör verschafft.“

Jochen Lennhof hat Produktions- und Fertigungstechnik studiert und seinen Abschluss als Diplom-Ingenieur an der RWTH Aachen erhalten. Er arbeitet seit 2004 bei Minesoft und ist für die Betreuung der Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortlich. Dazu wirkt er an der Entwicklung von firmenspezifischen Inhouse- und Workflow-Lösungen mit. Vor seinem Wechsel zu Minesoft arbeitete Lennhof für einen Biotech-Start-up und über drei Jahre als Berater bei der KPMG Consulting in Berlin. Nach seinem Umzug aus London im April 2009 leitet er die deutsche Niederlassung in Düsseldorf.

Henrik Schreiber erlernte die Grundlagen der Chemie an der Universität Oldenburg und wechselte zum Hauptstudium an die Universität Karlsruhe über. Nach einer zweijährigen Tätigkeit im STN-Vertrieb Süd ging er für mehrere Jahre als Infobroker zu den Freudenberg-Forschungsdiensten in Weinheim. 2005 gründete er „Recherche und Beratung“ mit dem Standort in Heidelberg. Heute blickt er auf eine langjährige Vortragstätigkeit zu Recherchethemen unter anderem an der Fachhochschule Mannheim und der Filmakademie Baden-Württemberg zurück

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Anbieterkonzentration, Informationszentren im Belagerungszustand, …
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Die Debatte

Henrik Schreiber hat im Vorfeld der Diskussion zwischen Anbietern und Anwendern eine Steilvorlage gegeben, dass nämlich die Hälfte der Infobroker in fünf Jahren aus dem Markt ausgeschieden sein wird. Dies wird in der Einführung von Willi Bredemeier durch die Beobachtungen ergänzt, dass sich die Inhouse-Informationszentren gleichfalls im Belagerungszustand befänden und seit drei Jahrzehnten ein Anbietersterben weltweit zu beobachten sei. Die neueste Entwicklung sei, dass Thomson Reuters seine Wissenschafts- und Patentinformationen, obgleich Weltmarktführer, an Private Equity abgestoßen habe. Für den deutschen Markt komme erschwerend hinzu, dass die internationalen Anbieter Funktionen in ihren Headquartern zentralisierten und ihre Deutschland-Büros aufgelöst hätten. So würden es Nutzer in Düsseldorf und München bisweilen schwer haben, Ansprechpartner zu finden. Beispielsweise sei vorgekommen, dass sie, wenn sie Frankfurt wählten, in London landeten, um dort zu erfahren, dass der deutschsprachige Help Desk am Nachmittag wieder zu erreichen sei.

Führt der weltweite Monopolisierungsprozess unter den Anbietern zu höheren Preisen und zu einer Verschlechterung der Services?

Nicht bei den Boutique-Anbietern. Darin sind sich Jochen Lennhof und Sigrid Riedel einig. Minesoft beobachtet die aktuellen Entwicklungen aufmerksam, weil die Kunden von Minesoft auch die Kunden von Thomson Reuters sind und gravierende Veränderungen der Thomson-Angebote die gemeinsame Nutzung von Thomson- und Minesoft-Angebote erschweren können. Das dürfte seit den jüngsten Verlautbarungen des nunmehr umbenannten Anbieters in Clarivate Analytics zumindest kurzfristig nicht zu befürchten sein. Lennhof sieht an den aktuellen Entwicklungen auch das mögliche Positive, da der neue Inhaber Baring Private Equity Asia keine klassische „Heuschrecke“ sei, die alles zerschlagen wolle, und die asiatischen Märkte womöglich besser entwickeln könne.

Minesoft könne seine Preise schon deswegen nicht einfach erhöhen, weil die Konkurrenz in den letzten Jahren zugenommen habe. So interpretieren die Patentämter ihren Veröffentlichungsauftrag eigenwillig und steigen sie immer weiter in die Generierung von Mehrwerten auf der Basis der eigenen Daten ein. Minesoft sei weder der billigste noch der teuerste Anbieter und im besten Sinne des Wortes seinen Preis wert. Der Anbieter sei in Deutschland mit einem eigenen Standort präsent und habe diesen personell weiter verstärkt, gerade um seinen hiesigen Kunden einen optimalen Service zu bieten. „Wir müssen vor Ort sein.“

Später wurde darauf aufmerksam gemacht, dass sich auch Dow Jones/Factiva aus der weltweiten Tendenz zur Zentralisierung verabschiedet und seine deutsche Präsenz wieder deutlich verstärkt habe. Dieser Anbieter ist nach Lexis Nexis der zweite weltweit agierende Informationsanbieter, der sich für ein Sponsoring der „Steilvorlagen“-Veranstaltung entschieden hat.

Frau Riedel macht auf das große Sterben auch unter den deutschen Informationsanbietern aufmerksam. Von den vielen Fachinformationszentren, die einst der amerikanischen Übermacht im Datenhandel Paroli bieten sollten, ist nur FIZ Karlsruhe übriggeblieben (und nimmt dieses im Verbund mit Chemical Abstracts Service bestenfalls die Position eines Juniorpartners wenn nicht eines Vertriebsbüros ein). Auch FIZ Technik hätte es beinahe erwischt, wenn es nicht als neugegründete Mitarbeitergenossenschaft WTI Frankfurt wieder auferstanden wäre. Kommen Kunden von Thomson Reuters nach den neuesten Entwicklungen herüber? Das sei im Moment nicht zu sehen.

Über Preiserhöhungsspielräume verfüge WTI Frankfurt nicht und Service sei für die WTI überhaupt das Wichtigste, zumal auch die Konkurrenz für WTI zunehme. Denn die Verlage und Datenbasenproduzenten träten immer stärker unter Ausschaltung des „Zwischenhandels“ an die Endkunden heran. Dies habe dazu geführt, dass auf WTI neuerdings stärker als Referenzdatenbank beziehungsweise als Discovery-Service zugegriffen werde.

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… nur die größeren Informationsvermittler mit zehn und mehr Mitarbeitern überleben
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Henrik Schreiber blickt mit Nostalgie auf die 90er Jahre zurück, als es noch viele Dateneinzelhändler (sprich Informationsvermittler) gab, denen bei den eigenen Kunden und im besten Fall auch sonst nicht von den Datengroßhändlern dazwischengefunkt wurde. Vielmehr waren die Großhändler zufrieden, wenn die Einzelhändler über die Kompetenz verfügten, erklärungsbedürftige Informationsprodukte in den Unternehmen heimisch zu machen und den Markt zu entwickeln.

Auch seien die 90er Jahre eine Phase der Demokratisierung von Informationen gewesen, in der Jedermann den Zugriff auf alle für ihn relevante Daten über das Internet zu bekommen schien und ein barrierefreier Zugriff auf Informationen das Ziel gewesen sei.

Mittlerweile habe sich die Situation insoweit verändert, als die Großhändler die Endnutzer direkt durch Verträge an sich gebunden und Paketpreise eingeführt hätten. Auch sind die großen Informationsanbieter kaum mehr an kleinen Nutzern interessiert, da deren Betreuung einen vergleichsweise hohen Verwaltungsaufwand erfordert und diese, überspitzt ausgedrückt, im durchrationalisierten und automatisierten Prozess der „Information Delivery“ auf einem gesättigten wenn nicht schrumpfenden Markt eher stören. Oder wie das einer der großen internationalen Informationsanbieter einmal gegenüber Password formuliert hat: „Wir wollen nur die DAX-Unternehmen gewinnen. Das reicht uns.“

Auch seien die Paketpreise häufig so hoch angesetzt, dass sich viele Informationsvermittler diese nicht leisten könnten. Oder man könne sie sich allenfalls leisten, wenn die Informationsvermittlungsstelle eine gewisse Größe erreicht habe. Schreiber setzt die derzeitige kritische Größe bei zehn Mitarbeitern und mehr an und sieht daher die eigene „Information und Beratung“ (gerade noch?) im grünen Bereich. Hingegen würden die kleineren qualifizierten Einzelhändler zermalmt. Die heute bestehende Alternative beschrieb Schreiber locker: „Entweder Sie erreichen die notwendige Größe oder Tschüss!“

Das bedeutet nicht, dass nicht auch eine Informationsvermittlungsstelle bei seinen Einkäufen nicht scharf rechnen müsste. Nachdem wir den Zugriff auf unsere Basisdaten, sagen wir, bei STN, eingekauft haben, sollen wir noch die Tools zur Datenaufbereitung oder Semantischen Suche oder die internationale Presseschau von Lexis Nexis, die wir lange Jahre hatten, dazu nehmen? Sorry, Freunde, unser Budget ist begrenzt, wenn wir uns die Flatrate, die wir zum Überleben brauchen, gerade noch leisten können.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Die Zerbröselung des Know hows für Recherche und Analyse innerhalb der Unternehmen.

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