Open Password - Mittwoch, den 25. Januar 2017

# 152

Richard David Lankes – Walther Umstätter – Marc Sander – Bibliothek als Ort – APE 2017 – Berlin Declaration – Richard Horten – Wissenschaft und Gesellschaft - Vertrauenskrise der Wissenschaft – Wissenschaftsverlage – Wissenschaftsinfrastruktur – Populismus - Metriken

Briefe

Lankes: „Erwarten Sie mehr“:

Bibliotheken auch ein Ort
des Arbeitens, der Begegnung
und des Austausches

Lieber Herr Dr. Bredemeier,

 ich verfolge regelmäßig und sehr interessiert die Beiträge Ihres Newsletters "Open Password" rund um das Thema "Bibliothek".

In der gestrigen Ausgabe schilderte diesmal Herr Umstätter seine Sichtweise zur "Mission", eher auf einer akademischen Art und Weise.

Dies ist, wie so oft, ein weiteres Beispiel, in dem nur die AUFGABEN der Bibliothek im Mittelpunkt steht. Ich finde das ist ein Fehler, vielmehr sollte die Bibliothek auch als ORT des Arbeitens, der Begegnung und des Austauschs verstanden werden, und zwar in der Realität und nicht innerhalb von digitalen Netzwerken. Denn das ist das Alleinstellungsmerkmal der Bibliothek gegenüber sämtlicher Datenbanken. Vielleicht kann mit dieser, aus meiner Sicht nötigen, erweiterten Sichtweise die Bedeutung und Funktion der Bibliotheken in der Gesellschaft zukünftig deutlicher gemacht werden.   

 Viele Grüße aus Düsseldorf, Marc Sander

APE 2017 (1):
„Berlin Declaration“

APE-Teilnehmer stellen Wissenschaft
uneingeschränkt in den Dienst der Gesellschaft

Bedeutung wissenschaftlicher Beiträge
auch an Reaktionen der Stakeholder messen

Fundamentalkritik an Wahrheitsbegriff
macht breite Bündnisse erforderlich

Eine „Berliner Deklaration“ „on Knowledge in the Sciences and Humanities for Sustainable Development“ ist von allen Teilnehmern der APE 2017 („Academic Publishing in Europe“) unterzeichnet worden. Um einen derart umfassenden Konsens in einer heterogenen Besucherschar aus Wissenschaft, Wissenschaftsverlagen und Wissenschaftsinfrastruktur zu erzielen, musste der von Richard Horton verfasste Text relativ allgemein formuliert sein und auf Ziele ohne begleitenden Problemaufriss beschränkt werden. Gleichwohl wird deutlich, wie sehr sich die Wissenschaftsgemeinschaft und die sie versorgende Informationsinfrastruktur in einer Vertrauenskrise sehen. Dies wurde auch während der APE-Konferenz - teilweise gleichfalls „zwischen den Zeilen“ – immer wieder deutlich, zumal es zuvor nie so viele wissenschaftliche Beiträge mit offensichtlichen Fehlern und zurückgezogene Beiträge gegeben hat. Dies gilt auch innerhalb einer relativen Betrachtung (siehe unser Konferenzbericht in der kommenden Ausgabe von Open Password).

An impliziten Lagebeschreibungen und empfohlenen Handlungserfordernissen in der „Berlin Declaration“ sind festzuhalten:

• Zeitweise fanden wir die Errungenschaften der Aufklärung und die auf ihnen basierenden Strukturen der wissenschaftsbasierten Gesellschaft so selbstverständlich, dass wir es nicht für nötig befanden, ausdrücklich auf sie zurückzukommen. Auch mochte man das seinerzeit übliche Pathos im 21. Jahrhundert als eher peinlich empfinden. Mittlerweile ist jedoch mit den Siegen populistischer Strömungen in westlichen Ländern und der einhergehenden Fundamentalkritik an Politik, Medien und dem Wahrheitsbegriff einiges ins Rutschen gekommen. Jedenfalls empfiehlt die Deklaration als wichtigste Aufgabe der Versammelten („undertake all we can“), das offensichtlich bedrohte Vertrauen zwischen Forschung und Gesellschaft wiederherzustellen (und das weitere Funding zu sichern). Dafür wird das Pathos der Aufklärung wieder bemüht, da es gleich um den menschlichen Fortschritt, die Stärkung unserer Zivilisation, die Rettung des ökologisch bedrohten und mit begrenzten Ressourcen versehenen Planeten und um weitere Ziele von grundsätzlicher Bedeutung gehen muss.

• Wissenschaft und Forschung werden uneingeschränkt in den Dienst der Gesellschaft gestellt. Sie rechtfertigen sich durch ihren Nutzen. Das geht sogar noch weiter, wenn die Bedeutung wissenschaftlicher Beiträge an den Reaktionen der Kunden, Aktionäre, Partner und Stakeholder gemessen werden soll und Herausgeber und Verleger ermutigt werden sollen, diese Reaktionen bei der Gestaltung wissenschaftlicher Zeitschriften mit zu berücksichtigen. Die Metriken der Erfolge wissenschaftlicher Beiträge sind entsprechend zu erweitern. Das las sich bislang anders, wenn Praxisorientierung generell nicht als Erfordernis wissenschaftlicher Arbeiten galt und gelegentlich mit Unwissenschaftlichkeit verwechselt sowie ausschließlich die Unabhängigkeit der Wissenschaftler von externen Einflüssen betont wurde.

• Um ihre Ziele zu erreichen, treten die APE-Teilnehmer für faktenbasierte Entscheidungsprozesse, freie Meinungsäußerung und internationale Kooperationen ein. Diese und andere Prinzipien seien unabdingbar, um die menschliche Sicherheit zu stärken und zu schützen. Aber ist solches nicht selbstverständlich? Das ist es nicht mehr, seit „Unwahrheiten“ innerhalb der US-Regierung mit „alternativen Fakten“ übersetzt wurden, die Medien für eine richtige Berichterstattung regierungsseitig bedroht werden und Nationalismus und Abschottung Ziele populistischer Regierungen geworden sind, die letztlich auch die Wissenschaft bedrohen.

• Wissenschaftler und Verleger äußerten sich bislang eher getrennt voneinander und waren während des Aufschwungs der Open-Access-Bewegung zum Teil antagonistisch miteinander verbunden. Nun aber, da sich die „Eliten“ auch in diesem Bereich im Belagerungszustand befinden, werden die Experten für „registering, reviewing, disseminating and archiving“ oder die Experten für „accessing, understanding and application“ für ein möglichst breites Kooperationsbündnis entdeckt oder wiederentdeckt.

• Was ich an der Debatte um populistische Strömungen weitgehend vermisse, gilt in gleicher Weise für die  „Berlin Declaration“: der selbstkritische Blick auf sich selbst und die Erörterung der Frage, worin die Populisten mit ihrer Fundamentalkritik recht haben mögen. Lange bevor Donald Trump den Wahrheitsbegriff aufgab oder ihn als irrelevant deklarierte, wurde dieser von der Wissenschaftsgemeinschaft selbst, insbesondere der Wissenschaftstheorie, ausgehöhlt. Das geschieht mittlerweile seit Jahrzehnten, ohne dass sich die anderen Disziplinen davon abhalten lassen, „Science as usual“ zu betreiben, als ob nichts geschehen wäre. Hätte sich die Informationswissenschaft bemühen müssen, den Finger auf diese Wunde zu legen? Könnte sie es immer noch?

                                                                                                                     Willi Bredemeier

 

APE 2017 (2)

The Berlin Declaration
on Knowledge in the Sciences and Humanities for Sustainable Development

A draft Berlin Declaration on Knowledge in the Sciences and Humanities for Sustainable Development was circulated at the Academic Publishing in Europe Conference, held in Berlin on January 17. 2017. It is not yet a milestone oft the global movement for Sustainable Development. But, with a little commitment, we can perhaps do more than hope.

Background

The birth oft he Enlightenment in the seventeenth century changed human society irrevocably. Inquiry and experiment replaced dogma and scholasticism. Scholarly publishing was a catalyst in the rapid social transformation that followed. Registering, reviewing, publishing, disseminating, and archiving new research findings provided a reliable and permanent record of human discovery and achievement. Journals and books offered intellectual resources for societies worldwide to draw upon in order to accelerate their political, economic, and social development.

We, the undersigned, are concerned that the potential contributions made by academic publishing to human prosperity and advance, as well as to the protection of our planet´s rich but vulnerable ecological resources, have not been fully realised. In accordance with the spirit oft the Sustainable Development Goals, launched on January 1, 2016, with their target date for completion being December 31, 2030, we wish to commit ourselves to using the publishing resources at our disposal to accelerate progress towards the fulfillment of these internationally agreed goals.

Objectives

We, scholarly publishers in and across Europe, reassert our commitment to the social, economic, and political value of knowlege – its creation, accessibility, understanding, and application – to adressing the predicaments facing societies and to improving the lives of citizens in those societies.

We believe that the mission of academic publishing goes beyond merely dissemination. Since the time of Diderot´s Encyclopaedia, scholarly publishing has been concerned with the application of knowledge for, in the words of Jean Le Rond d´Alembert, „new advantages to society as a whole.“ It is time to beginn a new era of social transformation based on the translation of scholarly knowledge into practical action. Publishers must play their full part.

We pledge ourselves to support, invest in, and advocate for the principles, values, and practices of fact-based decision-making in our societies, freedom of expression, equity and equality, social justice, and enhanced human cooperation within and between nations and peoples. These principles are indispensable for strengthening and protecting human security.

We promise to advance these principles, values, and practices by extending the metrics we use to judge our success on behalf of customers, shareholder, partners, and stakeholders in the knowlege economy, and by incentivising our editors and publishers to maximise their contributions to these broader measures of performance.

Finally, we undertake to do all we can to strengthen the covenant of trust between scholarly research and society – to ensure that academic research flourishes, and is supported by governments and publics, to protect and augment our civilisations and the ecoystems on which they depend.    

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