Open Password - Montag, den 23- Januar 2017

#150 

Richard David Lankes – Hans-Christoph Hobohm – Bibliotheken – Communities – Stuttgart 21 – Idea Stores – Århus – Zukunftswerkstatt – Übersetzung aus dem Amerikanischen – Erda Lapp – Willi Bredemeier - Informationswissenschaften – Atlas of New Librarianship – Simon Verlag für Bibliothekswissen


Neu erschienen

„Erwarten Sie mehr“
von Richard David Lankes

Ein viel versprechender Approach
für eine neue Debatte
über die „Zukunft der Bibliotheken“

Richard David Lankes, Erwarten Sie mehr – Verlangen Sie bessere Bibliotheken für eine komplexer gewordene Welt – Mit einem Vorwort von Hans-Christoph Hobohm - Aus dem Amerikanischen von Erde Lapp und Willi Bredemeier (Originaltitel: Expect More) – Simon Verlag für Bibliothekswissen 2016

Open Password hält das soeben in deutscher Sprache erschienene Buch von Richard David Lankes „Erwarten Sie mehr“ für einen viel versprechenden Ansatz für eine neue Debatte über die „Zukunft der Bibliotheken“. Heute beginnen wir mit einer mehrteiligen Auseinandersetzung über das Buch und seine Botschaften mit einem „Abdruck“ des Vorwortes von Hans-Christoph Hobohm.

Vorwort

Mehr von Bibliotheken erwarten?


Warum ein Buch wie das von Lankes
im deutschen Sprachraum
nicht geschrieben werden kann

Von Hans-Christoph Hobohm

Mehr von Bibliotheken erwarten? Die meisten Bibliothekare werden sagen: noch mehr? Angesichts immer geringer werdender Ressourcen? Aber es dreht sich eben nicht um ein Mehr an Quantität, sondern um Anderes. Und natürlich: Das Buch richtet sich nicht an Bibliothekare, sondern an deren Träger, denn Bibliotheken sind immer Teil einer übergeordneten Organisation bzw. werden von einer Gemeinschaft, David Lankes sagt: Community, getragen. Hier hat das deutsche Wort „Träger“ eine Konnotation, die Lankes sicher gefallen hätte, denn es dreht sich nicht (nur) um Geld, sondern vielmehr um Engagement und eben um Erwartungen. Die landläufigen „Erwartungen“ an Bibliotheken sind die, dass dort Medien, Informationen und schlicht Bücher zu finden sind. Möglichst die, die man selber gerade braucht. Das Buch möchte daran erinnern, dass dem nicht immer so war und dass Bibliotheken eigentlich andere Aufgaben haben als Papier- oder Bitspeicher zu sein. Das kann man gut daran erkennen, wenn wieder mal eine Schließung einer Bibliothek droht: Die sie tragende Community, die Bürger des Stadtteils, die Schüler und Lehrer der Schule, die Studenten der Hochschulbibliothek gehen auf die Straße und wehren sich dagegen. Dass Bibliotheken nicht nur Bücherlager sind, wird in letzter Zeit immer deutlicher, wenn man beobachtet, welchen Zulauf ansprechend gestaltete und gut organisierte Bibliotheksräume haben.

Deutlich wird in letzter Zeit auch immer wieder – doch davon spricht Lankes nur am Rande –, dass Bibliotheken zum Motor der Entwicklung ihrer Community werden. In den letzten zehn Jahren häufen sich die Beispiele, in denen die Stadtbibliothek explizit eine zentrale Rolle für die Stadtentwicklung zugeschrieben bekommt. In Deutschland ist das zum Beispiel sichtbar bei Stuttgart 21, wo das erste vollendete Gebäude des Entwicklungsprojektes der weltweit Aufsehen erregende Kubus der Bibliothek war. Beispiele in europäischen Nachbarländern machen den Wandel der Erwartungen an Bibliotheken noch deutlicher. Mittlerweile berühmt sind die „Idea Stores“ im Problembezirk Tower Hamlets in London, die sogar einen anderen Namen für die erweiterten bibliothekarischen Funktionen als Lern- und Transformationsort für die Gemeinde bemühten. Berühmt wurde auch die Stadtbibliothek („Dokk1“) im Urban Media Space in Århus (Dänemark), die wie die Bibliotheken in Stuttgart und London nicht nur eine zentrale Rolle in der Stadterneuerung spielt, sondern auch den Digitalen Wandel der Gesellschaft aktiv begleitet, beispielsweise durch offene Angebote zur Erprobung neuer Technologien. Viele Bibliotheken greifen urbane „Hypes“ wie Makerspaces, FabLabs oder Coworking Spaces auf, nicht weil sie auf der Welle schicker Angebote reiten wollen, sondern weil sie spüren, dass im Digitalen Wandel Dinge passieren, die sie angehen.

Die Rede vom Ende der Gutenberg-Galaxis hat lange Zeit Bibliotheken geängstigt, weil sie genau wie ihre Träger ihre Rolle nicht verstanden hatten. In einer Buchgesellschaft sind sie naturgemäß der Katalysator für „gute“ Bücher und die Verbreitung des darin enthaltenen Wissens. In einer Gesellschaft, in der Wissen nicht mehr in einem so großen Ausmaß auf Papier gebannt wird, sondern quasi flügge geworden ist und in E-Books, Apps, „sozialen“ Medien oder anderen (mehr oder weniger digitalen) Räumen fließt, ist die Arbeit und Funktion der Bibliothek nicht mehr so manifest und wird ebenso komplex wie die durch die Digitalisierung komplexer werdende Gesellschaft. Lankes weist eindringlich auf diese klärende, katalysierende Rolle der Bibliothek hin, wenn er ihr den generellen Auftrag, die Mission zuweist: „Die Mission einer Bibliothek ist die Verbesserung der Gesellschaft durch die Förderung von Wissensgenerierung in der Community.“

Das klingt natürlich im Amerikanischen „besser“, was ja schon mit dem Wort ‚Mission’ beginnt. Und hier wird die Problematik jeder Übersetzung erkennbar: Eigentlich müsste man ein Buch wie eine App „lokalisieren“, das heißt komplett in die lokalen, nationalen Gegebenheiten übertragen. In diesem Fall wäre es schön gewesen, für die meist amerikanischen Beispiele innovativer Bibliotheken deutsche oder europäische Äquivalente zu finden oder mehr an den Begrifflichkeiten zu arbeiten, um zu vermeiden, dass der Leser sagt, es sei ja alles nur amerikanischer Management-Jargon und nicht auf unsere Verhältnisse übertragbar. Wir haben uns bei der Herausgabe des Buches jedoch entschieden, den Autor mit seinem Stil und seiner Überzeugungskraft in seiner Kultur zu belassen, sonst hätte ein ganz neues Buch geschrieben werden müssen. Bei vielen Begriffen wie „mission“ (Auftrag?), „community“ (Gemeinde, Gemeinschaft), „facilitate“ (fördern, erleichtern) „knowledge generation“ (Wissensschaffung, -generierung?) bis hin zum Titelwort: „expect“ (erwarten, fordern, verlangen?) war die Übersetzung nicht immer eindeutig, so dass beim Ringen um das richtige Wort von Fall zu Fall vorsichtig angepasst wurde. Wir hoffen dennoch, dass einerseits der eigene Stil des Autors rüberkommt und dennoch die bestehende kulturelle Differenz nicht abschreckt. Dem Leser sei gesagt, dass vieles, von dem Lankes berichtet, so weit weg gar nicht ist, wie es manchmal scheinen mag. Viele der Personen, die Lankes als Zeugen anführt, sind in der deutschen Bibliothekslandschaft bekannt und etwa auf Bibliothekartagen, hierzulande aufgetreten. Dies war das Verdienst einer jungen, aktiven Gruppe von Bibliothekaren und Nichtbibliothekaren, die sich schon 2008 Sorgen um das deutsche Bibliothekswesen machten und den Verein „Zukunftswerkstatt – Kultur und Wissensvermittlung e.V.“ gründeten. In diesem Zusammenhang wurden Konzepte, die Lankes zusammenfasst und auf den Punkt bringt, in vielen deutschen Bibliotheken diskutiert und erprobt. In der deutschen Bibliothekswelt, kann man sagen, ist das „Neue Bibliothekswesen“, von dem Lankes spricht, an vielen Stellen angekommen. Das vorliegende Buch ist ja auch die zweite Auflage des ursprünglich 2012 erschienenen Originals, das sicher auch zusammen mit seinen anderen Veröffentlichungen hierzulande wie in anderen Ländern Wirkung getan hat.

Eine zweite Auflage und eine Übersetzung scheinen dennoch notwendig, weil die neuen möglichen Erwartungen an Bibliotheken noch nicht in allen Köpfen der Entscheidungsträger präsent sind. Gerade „in der Fläche“ ist eine deutsche Fassung doch hilfreicher. Mittlerweile hat sich zudem eine regelrechte internationale Bewegung um Lankes Buch etabliert und liegen auch andere Übersetzungen beispielsweise ins Portugiesische vor.

Das Buch erscheint in der Reihe Bibliotheksforschung und möge insoweit als Mahnung dienen, dass gerade so komplexe öffentliche Güter wie Dienstleistungen der Informationsinfrastruktur, wie wir sie in Deutschland leider verkürzend nennen, ihre Reflexion in Form einer eigenen Wissenschaft benötigen. Vielleicht besteht das Problem der Bibliotheken insgesamt darin, dass es an Analyse und Reflexion über ihren Status und ihre Aufgaben fehlt. Die problematischeren Kürzungen sind die von Instituten und Lehrstühlen der Informationswissenschaften in Deutschland. Diese und ein damit stärker verbreitetes politisches Verständnis der Praxis könnte helfen, die Schließung von Einrichtungen zu verhindern, die nachgewiesenermaßen ihren Communities (das heißt, der Gesellschaft, dem Staat, dem Unternehmen...) ein Return on Investment bringen, das unschätzbar hoch ist - nämlich 1 zu 5 und mehr.

David Lankes preisgekrönter „Atlas of New Librarianship“, das Buch, das sich mehr als das vorliegende an die Bibliothekare selbst richtet, ist der treffende Nachweis für den oft belächelten Spruch, nichts sei praktischer als eine gute Theorie. Leider ist der Atlas zu komplex und zu umfangreich und noch schwieriger ins Deutsche zu übertragen. Leitenden Bibliothekaren, die flüssig im Englischen sind, sei vorwiegend der Atlas und dazu sein gerade erschienener „Field Guide“ empfohlen. "Erwarten Sie mehr" sollte daher nach der Lektüre an die "Entscheider" weitergereicht werden, weshalb Lankes ja auch schreibt: „This book is short; it was written for busy people.“

Gerne hätte ich das Buch selber geschrieben, aber die aktuelle deutsche Ausbildungs- und Hochschulpraxis in den Bibliotheks- und Informationswissenschaften erlaubt lediglich Wissenstransfer, keine eigene Produktion. Zumindest das ist mit Restmitteln aus einem Forschungsprojekt gelungen.

 

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