Open Password - Freitag, den 13. Januar 2017

#145

HRK – Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen - Elsevier – Springer Nature – Wiley - DEAL – Open Access - Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher Sortimente - Stephan Holländer – vfm - Mediendokumentare – Medienarchivare – Robert Hochner - Marianne Englert

Verein für Medieninformation
und Mediendokumentation

vfm 20 Jahre alt

„Grundlegende Voraussetzung für
journalistische Innovation und Investigation“

Der Verein für Medieninformation und Mediendokumentation feiert am Sonntag, den 14. Januar, sein zwanzigjähriges Bestehen. Dazu ein Rückblick und eine Selbstdarstellung des vfm mit Hinweisen auf Mitgliederzugängen aus ungewohnten Branchen, neuen Herausforderungen und aktuell zu behandelnden grundsätzlicheren Fragen:

“Die Rache der Journalisten an den Politikern ist das Archiv”. Diesen Satz prägte der österreichische Fernsehjournalist Robert Hochner. Medienarchive sind gerade heute eine wichtige Grundlage für einen seriösen, gut recherchierten Journalismus. Der Verein für Medieninformation und Mediendokumentation (vfm) ist deren bedeutendste Organisation.

Alles begann am 14. Januar 1997 beim NDR in Hamburg. Marianne Englert, damalige Archivleiterin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, lud zur konstituierenden Sitzung ein. 14 Vertreter aus den Rundfunkanstalten und Presseverlagen waren bei der Gründungsveranstaltung anwesend und wählten Marianne Englert zur ersten Vorsitzenden.

Die Arbeit der Medienarchivare und Mediendokumentare hat sich seitdem radikal geändert. „Archiv- und Dokumentationsbereiche müssen heute offen, progressiv und technikaffin sein“, sagt Mario Müller (ProSiebenSat.1), der heutige Vorsitzende des vfm. „Die redaktionellen Inhalte für Medienportale, Presse, Radio oder TV müssen heute just in Time und im Direktzugriff für die Redaktionen verfügbar sein.” Auch rechtliche Aspekte spielen eine immer größere Rolle in der täglichen Arbeit. Wer darf wann welche Inhalte wie nutzen? Das ist eine wichtige Fragestellung, die neben den Juristen zunehmend auch Medienarchivare und Mediendokumentare beantworten müssen.

Am 14. Januar 2017 feiert der Verein nun sein 20jähriges Bestehen. Heute ist der vfm der führende Veranstalter von Weiterbildungen für diese Branche. Kollegen aus den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, der privatwirtschaftlich organisierten Medienhäuser wie RTL und ProSiebenSat.1, aus Presseverlagen wie „Gruner & Jahr“, der FAZ und der Süddeutschen Zeitung haben so die Möglichkeit, sich fachlich auszutauschen, zu vernetzen und neue Trends kennenzulernen. Auch neue Kollegen von jungen Startup-Unternehmen, aus dem Online-Bereich und aus der Informationswirtschaft nutzen zunehmend die Angebote des vfm. Rechtsfragen im medialen Alltag sowie Technologien der Zukunft und das sich damit verändernde Berufsbild sind Weiterbildungsschwerpunkte in diesem Jahr.

Die vfm Frühjahrstagung ist der jährlich stattfindende Höhepunkt für Erfahrungsaustausch und mit Vorträgen zu Trends und Innovationen der Branche. Dieses Jahr ist das ZDF in Mainz Gastgeber. Erwartet werden wieder mehr als 250 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
http://www.vfm-online.de/tagungen/2017/ankuendigung.shtml

Ein wichtiges Anliegen des vfm ist die Förderung des Nachwuchses. Seit 2012 werden mit dem Marianne-Englert-Preis Forschungsarbeiten mit dokumentarischem, archivarischem oder informationswissenschaftlichem Hintergrund ausgezeichnet. Dr. Ute Essegern sieht als Jurymitglied den Marianne-Englert-Preis auch als Investition in die mediendokumentarische Zukunft: „Unsere bisherigen Preisträger zeigen, dass damit nicht nur die journalistische Recherche bereichern. Die Arbeit unserer Kollegen ist gerade heute eine grundlegende Voraussetzung für journalistische Innovation und Investigation.“ Zu den Preisträgern des Jahres 2016 zählte beispielsweise Jörn Ratering, der das Kölner „Team Wallraff“ unterstützte. 2014 wurde mit Antonius Kempmann ein freier Rechercheur ausgezeichnet, der im Auftrag des NDR und der Süddeutschen Zeitung über Rolle die deutsche Stadt Rammstein in der militärischen Drohnenpolitik der USA recherchierte.
http://www.vfm-online.de/weblog/newcomerforum/preistraeger/

In einer Zeit, in der „postfaktisch“ zum Wort des Jahres 2016 gewählt wurde, in der mit zunehmender Globalisierung (fast) alles im Netz gefunden werden kann, sind Medienarchive als gesellschaftliche Erinnerungsorte besonders wichtig. Es sind Orte, in denen das Heute für Morgen konserviert wird. Doch was überwiegt mehr? Das persönliche Recht des Einzelnen auf Vergessen, oder das Interesse der Gesellschaft auf Erinnern? 2017 muss sich das Bundesverfassungsgericht mit der Klage eines Mörders befassen, der seinen Namen aus digitalen Archiven tilgen lassen will.

Der vfm setzt sich auch zukünftig dafür ein, dass Medienarchive als Spiegel unserer Gesellschaft für die Zukunft bewahrt bleiben. Sie gilt es zu schützen und zu bewahren.“

Nach dem Abbruch der Verhandlungen
HRK und Elsevier

Auch die Aussicht auf

einen gelingenden Deal erweckt
bei Buchhandlungen, Bibliotheken und kleinen Verlagen große Befürchtungen

Von Stephan Holländer

Die Verhandlungen mit Elsevier über eine bundesweite Lizenzvereinbarung für E-Journals wurden wegen divergierender Standpunkte unterbrochen. Siehe auch die vorangegangene Berichterstattung in Open Password. Die Verhandlungen sollen in diesem Jahr wieder aufgenommen werden.

Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) verhandelt mit den drei großen Wissenschaftsverlagen Elsevier, Springer Nature und Wiley über den Abschluss von Bundeslizenzen für E-Journals in Bibliotheken.

Im Rahmen des Projekts DEAL verhandelt die Hochschulrektorenkonferenz im Auftrag der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen mit den großen Zeitschriftenverlagen, um jeweils eine Bundes-Lizenzlösung zu realisieren, über die dann alle Artikel dieser Verlage bundesweit zur Verfügung stehen würden. Die Allianz hat für die Umsetzung des Projektes eine Expertengruppe aus Universitäten und außeruniversitären Institutionen sowie einen Projektlenkungsausschuss eingesetzt. Die wissenschaftlichen Bibliotheken sind durch Dr. Antje Kellersohn, Direktorin der Universitätsbibliothek Freiburg, und Frank Scholze, Direktor der KIT-Bibliothek Karlsruhe vertreten. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Prof Dr. Horst Hippler, ist Sprecher des Projektlenkungsausschusses.

Die Grundpositionen der Hochschulen für die Verhandlungen sind:

• Teilnehmereinrichtungen sind alle zur Teilnahme an Allianz- und Nationallizenzen berechtigten Einrichtungen in Deutschland.

• Für DEAL-Einrichtungen wird ein dauerhafter Volltextzugriff auf das gesamte Titel-Portfolio der Verlage für DEAL-Einrichtungen eingeräumt.

• Sämtliche Publikationen von Autoren aus deutschen Einrichtungen werden Open Access geschaltet (CC BY)

• Angestrebt wird eine angemessene Bepreisung nach einem einfachen, zukunftsorientierten Berechnungsmodell, das sich am Publikationsaufkommen orientiert.

 

Aus der Pressemitteilung der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen sei über den Stand der Verhandlungen zitiert:

„Nach mehrmonatigen intensiven Verhandlungen hat der Verlag Elsevier der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen ein erstes Angebot für eine bundesweite Lizenz für den Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen vorgelegt. Das Angebot entspricht nach Überzeugung der Allianz nicht den Prinzipien von Open Access und einer fairen Preisgestaltung. Trotz der derzeit bei 40 Prozent liegenden Umsatzrendite setzt der Verlag weiter auf Preissteigerungen jenseits der bislang bezahlten Lizenzsummen. Der Verlag lehnt transparentere Geschäftsmodelle ab, die auf der Publikationsleistung basieren und Publikationen offener zugänglich machen würden.“

Elsevier entgegnete mit einem Pressecommuniqué[1] der Allianz:

„Elsevier wurde von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) darum gebeten, an vertraulichen Verhandlungen teilzunehmen, um erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine landesweite Vertragsvereinbarung für wissenschaftliche Literatur zu entwickeln. Wir sind diesem Ansinnen nachgekommen und haben Vorschläge für eine Abonnement-Lizenz und separat für Open-Access-Publikationen für deutsche Forscher gemacht.

Elsevier wurde auch darum gebeten, einen Vorschlag zu machen, der landesweit mehr Inhaltsvolumen sowie bedeutend mehr Institutionen umfasst, als es momentan über individuelle Verträge der Fall ist. Dies erhöht die Komplexität und das Gesamtvolumen des zu verhandelnden Vertrages.“

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Bereits 60 deutschen Universitäten der Zugang zu den Zeitschriften von Elsevier verwehrt.
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Es wird seitens Elsevier deutlich, dass man sich gegen den Kulturwandel in Deutschland wie auch in der Schweiz stemmen will, in der sich als Mehrheitsmeinung durchsetzt. die mit öffentlichen Geldern finanzierten Forschungsresultate sollten unter Open Access zugänglich gemacht werden. Wenn getrennt über beide Modelle verhandelt wird, zeichnet sich das Risiko ab, dass gleich zweimal abkassiert wird: zum ersten, wenn Forscher eine Art Bearbeitungsgebühr für die Begutachtung, Redaktion und die Verbreitung ihrer Beiträge zahlen und zweitens als Leser und Nutzer ihrer Beiträge für das bezahlte Abonnement der Publikation.

In den letzten Monaten haben mehrere deutsche Universitäten ihr Abonnement mit Elsevier zum 1. Januar 2017 gekündigt. Damit ist etwa 60 Einrichtungen vorerst der Zugang zu den Elsevier-Publikationen verwehrt.

Aber selbst dann, wenn der Deal gelingen sollte, verbreiten sich in Fachkreisen Skepsis und große Befürchtungen über seine voraussichtlichen Folgen:

• Wenn der Buchhandel aus den Transaktionen zwischen Verlagen und Nutzern ausgeschaltet wird, werden diesem Deckungsbeiträge entzogen, die für den Fortbestand zahlreicher Buchhandlungen und damit der kulturellen Infrastruktur wichtig sind.

• Aggregatorenund Agenturen fallen aus der Wertschöpfungskette heraus. Der weiteren Monopolisierung des Zugang zu wissenschaftlichen Information wird Vorschub geleistet.

• Mittlere und kleinere Bibliotheken mit geringeren Budgets müssen Titel einstellen, die nicht ihrem Kernbereich für den Bestandsaufbau oder ihrer Spezialisierung entsprechen. Etatmittel für Sondersammelgebiete fehlen.

• Kleinere Verlage blieben bei Lizenzverhandlungen unberücksichtigt. Ihre Titel wären in Bibliotheken unter­repräsentiert. Herausgeber und Trägerverbände von Zeitschriften könnten darauf drängen, die Zeitschrift an einen der drei Verlage zu verkaufen. Das würde die „Großen Drei“ noch stärker als bisher machen.

Die Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher Sortimente (AWS) hat deshalb einen Protestbrief veröffentlicht, in dem auch die drei großen Verlage kritisiert wurden.

Man darf auf die Fortsetzung der Verhandlungen und des öffentlichen Diskurses gespannt sein.  

 

[1] Zitiert nach https://wisspub.net/2016/12/02/wissenschaftsorganisationen-kritisieren-lizenz-angebot-von-elsevier/ abgerufen am 2012.2016

 

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