Open Password - Montag, den 12. Dezember 2016

#138

Postfaktisch – Marc Sander – Trend des Jahres – Stephan Hawking – Planetarische Herausforderungen – Rudolf Mumenthaler – UB Luzern – Anna Knoll – Information Professionals – FIZ Karlsruhe – Audit BerufundFamilie – Wikileaks – Willi Bredemeier – Russland – Cyber-War – Edward Snowden – Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg - Österreichischer Bibliothekartag


Das war 2016:

Sollten wir das „Postfaktische“ nicht nur zum „Wort des Jahres“, sondern auch – in Open Password – zum „Trend des Jahres“ wählen? Marc Sander, Ingenieur bei T-Online, hat diese Wahl getroffen. (Weitere Wahlen unserer Leser sind hoch willkommen.)

Der Trend zum
postfaktischen Gesellschaftsphänomen

Verpflichtung der Informationsbranche:
Schützt uns vor Verfälschungen!

Von Marc Sander

Auf ihrer Rückreise vom diesjährigen G-20 Gipfel schaute die Bundeskanzlerin Angela Merker recht verdutzt auf die Frage, ob es nicht erschreckend sei, dass die Politik nun auch die Erscheinungen des postfaktischen Zeitalters zu spüren bekäme. Als Physikerin ist ihr dieser Begriff vermutlich zuvor noch nie untergekommen.

Das Phänomen des Postfaktischen entspringt den gleichen Wurzeln wie die altbekannte Propaganda, die sich in der Vergangenheit den Menschen ebenfalls als Alternative zum freien Denken und der eigenen, aktiven Meinungsbildung angeboten hatte und ergänzend einen scheinbaren Herdenschutz vermittelte.

Auch im postfaktischen Zeitalter scheint das individuelle Urteilsvermögen anhand von Fakten abtrainiert und durch eine „empfundene Wahrheit“ ersetzt zu werden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Politiker auf die altbewährten Methoden im aktuellen Weltgeschehen zurückgreifen.  

Aber wie ist dieser Trend zu erklären?  

Das Internet ist an diesem gesellschaftlichen Phänomen sicherlich nicht ganz unbeteiligt. Als neue Quelle von Meinungen, Berichten, Wissen und Wahrheiten schrecken selbst Journalisten nicht davor zurück, Informationen zu extrahieren und zu verbreiten. Die schnelle Verbreitung und Dichte von Informationen und Meinungen macht es dem Einzelnen zunehmend schwer, Fakten und Aussagen zu validieren. Diese Zeitnot und auch eine zunehmende Bequemlichkeit führen letztlich dazu, dass zunehmend auch Randmeinungen in den Fokus rücken. Das „Gefühl“ übernimmt die Kontrolle über die Entscheidungs- und Meinungsfindung und die realen Fakten rücken zunehmend in den Hintergrund. Auf die Informationsbranche kommt nicht nur die Aufgabe zu, Fakten weiterhin sichtbar zu gestalten, sondern auch gegen Verfälschungen zu schützen.  

Das Erkennen des postfaktischen Gesellschaftsphänomens ist der erste Schritt, der eine nötige Korrektur ermöglicht. Und die Informationsbranche hat die Verpflichtung, sich an dieser Korrektur zu beteiligen.

… und das war sie, die Woche:


Das Zitat

Stephen Hawking

“Dies ist die gefährlichste Zeit
auf unserem Planeten”

More than at any time in our history, our species needs to work together. We face awesome environmental challenges. Climate change, food production, overpopulation, the decimation of other species, epidemic disease, acidification of the oceans. Together, they are a reminder that we are at the most dangerous moment in the development of humanity. We now have the technology to destroy the planet on which we live, but have not yet developed the ability to escape it. Perhaps in a few hundred years, we will have established human colonies amidst the stars, but right now we only have one planet, and we need to work together to protect it.  

Stephen Hawking, This is the most dangerous time for our planet, in : www.unlimited.world/unlimited/this-is-the-most-dangerous-time-for-our-planet

 

Rudolf Mumenthaler, Organisator des Widerstandes gegen die Abwicklung der ZB MED und bisher Hochschullehrer am Institut für Informationswissenschaft an der HTW Chur,  tritt ab August 2017 seine neue Stelle als Direktor der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern an.

Anna Knoll, Autorin bei Open Password, spricht am 13. Dezember an der Hochschule der Medien (16 Uhr, Nobelstraße 10, Raum 011) über das Kompetenzprofil und die Berufsperspektiven von Information Professionals.

FIZ Karlsruhe erhält Zertifikat „audit berufundfamilie“. Das verdiente sich die Einrichtung mit einer „flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit mit Gleitzeitregelung, der Möglichkeit von Teleheimarbeit, vielfältigen Teilzeitmodellen sowie der gezielten Förderung von Chancengleichheit“. Hinzu kamen „die Aufnahme von Vereinbarkeitsthemen in das Führungsleitbild, die Etablierung von Ansprechpartnern für die Themen Pflege, Mutterschutz und Elternzeit, fachspezifische Informations- und Veranstaltungsangebote sowie die Erstellung eines Konzepts zur Integration von neuen Mitarbeitern unterschiedlicher Herkunft“.

 

Der Kommentar

Wie unsere Helden fallen…

Wikileaks als Instrument
des russischen Cyber-Kriegs

Von Willi Bredemeier

Einst waren das Internet und die Sozialen Medien unsere romantischen Helden. Sie versprachen uns Demokratisierung und allumfassende Transparenz. Haben sie sich heute in Instrumente des Postfaktischen und in Agglomerationen aus Hasssprüchen und Shitstorms nach dem Motto „Sch… auf die Wahrheit!“ verwandelt? So weit ist es noch lange nicht. Gleichwohl ist die Lage schlimm genug. Und wer von uns hat diese Entwicklungen rechtzeitig ausreichend vorausgesehen?

Lässt sich die Whistleblower-Plattform Wikileaks für den russischen Cyber-Krieg gegen den Westen (die parallel zu den russischen Desinformationskampagnen laufen) instrumentalisieren? So sieht es aus: Die russischen Behörden hatten die Server der Demokratischen und der Republikanischen Partei in den USA gehackt, aber nur Materialien vom demokratischen Server an Wikileaks weitergegeben. So konnte der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump darauf hinweisen, dass seine Konkurrentin Hillary Clinton in ihren Referaten vor der Wall Street positiver über den Freihandel als in ihren öffentlichen Reden sprach. Diese Intervention könnte den Ausschlag für den sehr knappen Wahlsieg Trumps gegeben haben.

Haben sich die russischen Behörden bereits als weitere Partei für die Bundestagswahl 2017 positioniert? Dass dies so sei, haben Bundeskanzlerin und Innenminister für ihre Verhältnisse ungewohnt klar angedeutet und hat der Präsident des Verfassungsschutzes offen ausgesprochen. Über genügend Dokumente verfügen die Russen seit dem Bundestags-Hack im letzten Jahr. Die ersten davon befinden sich auf Wikileaks.

Wie unsere Helden von gestern auch hier fallen! Dabei verliefen die moralischen Frontlinien zugunsten von Wikileaks einmal so klar, als Whistleblower mit Hilfe dieser Plattform und unter Inkaufnahme hoher persönlicher Risiken Kriegsverbrechen der amerikanischen Truppen im Irak aufdeckten. Dies nur zum Beispiel. Darüber hinaus war Wikileaks in seiner „heroischen Phase“ ein Versprechen, so etwas wie eine „internationale Transparenz und Medienmoral“ zu konstituieren. So etwas gab es damals wie heute kaum, da sich die etablierten Medien auf die Herstellung von Öffentlichkeit im eigenen Land konzentrieren und sich nur zu häufig von ihren Regierungen sagen lassen, was in den internationalen Beziehungen besser zu verschweigen sei.

Nachdem die Whistleblower als Informationslieferanten von der russischen Regierung und sicherlich bald anderen Regierungen mit der Herstellung „selektiver Transparenzen“, vorsortiert nach eigenen Interessen, abgelöst werden, muss man sagen: Alles vorbei!

Dabei wäre ein Wikileaks hochwillkommen, dass sich angemessen um die Verifizierung, voraussichtliche Wirkungen und den Kontext angebotener Informationen kümmerte und damit jene Standards in der internationalen Öffentlichkeit einführte, wie sie in der Theorie und mehr und minder auch in der Praxis klassischer Printmedien gelten. Aber so sehr ich mich im Internet danach umsehe, davon sehe ich nichts.

Bleibt Edward Snowden, der sich trotz russischem Exil nicht von unziemlichen Interessen „politischer Eliten“ hat verführen lassen. Möge er unser Held bleiben!

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