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Pushdienst 2016#124

Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg – Information Professionals – Attention Economy - Elgin Helen Jakisch – Bernd Joers – Rainer Michaeli – Sigrid Riedel – Henrik Schreiber – Guido Heinen

Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg:
Information Strategies and Solutions
in Challenging Times

Die Veranstaltung

Der Information Professional
in der Attention Economy

Bericht und Gedanken zu den Steilvorlagen 2016
auf der diesjährigen Buchmesse

Von Elgin Helen Jakisch, U&B Interim-Services, Berlin, jakisch@ub-interim.de

Die Organisatoren der Steilvorlagen hatten sich wieder sehr viel vorgenommen. Schon in den Vorankündigungen zur Veranstaltung sollte klarwerden, worum es geht: „Information Solutions and Strategies“ anhand von aktuellen Herausforderungen und Qualifikationsmöglichkeiten aufzuzeigen. Von den Organisatoren als „Leitveranstaltung der deutschen Information Professionals“ angekündigt, wollte man mit den Steilvorlagen im vierten Jahr in Folge wieder die Branche zusammenbringen und von den Geheimnissen des Erfolges einzelner Einrichtungen lernen. Die Reihen waren trotz angekündigter 140%iger Auslastung gelichtet – ob es an der Erkältungszeit oder der Dimension des Raumes gelegen haben mag, lässt sich nicht sagen.

Mit markigen Slogans, wie „IT oder IP? Das ist hier die Frage!“ oder „IPs, wo seid Ihr?“, wollte Prof. Dr. Bernd Jörs als Keynotespeaker das Auditorium mit einem Feuerwerk an Folien und Forderungen wachrütteln und aus dem „Tal der Tränen“ hinausführen, in welchem seiner Ansicht nach die IPs seit Urzeiten vor sich „hindümpeln“.

Online Marketing sei das Betätigungsfeld der Zukunft und keiner sei dafür besser geeignet als der gute alte IP mit seinen Methodenkenntnissen und analytischen Fähigkeiten. Der IP von morgen sei SOE Manager, Content Manager, Webanalyst, kurzum Problemlöser. Dabei provozierte Jörs mit überzogenen Klischees, wie dem einer bebrillten Bibliothekarin vor einem hölzernen Zettelkasten, untermalt mit der Frage, ob man „das“ wirklich noch wolle? Vermutlich hatte er vergessen, dass dieses Holzinstrument fraglos zur erfolgreichen Organisation von Wissen beigetragen hat und dass man hier inzwischen auch Fortschritte gemacht hat.

Wie dem auch sei, er hatte ja nicht Unrecht mit dem Bedürfnis nach Provokation, denn man muss sich wirklich fragen, ob in der herrschenden Aufmerksamkeitsökonomie noch Raum für ehrliches Marketing für IPs vorhanden ist. Leider lieferte er auch keine wirkliche Lösung, wie man schwierig zu erklärende Services in diesen Information-Do-it-Yourself-Zeiten richtig an den Mann bringt. Vielleicht, weil das Faktische ohne „Emotion daherkommt“, wie es Sigrid Riedel in der späteren Paneldiskussion auf den Punkt brachte und somit per se weniger Aufmerksamkeit erzielte.

Man darf bezweifeln, ob es, wie Jörs vorschlug, ausreicht, nur alte Buzzwords durch neue auszutauschen. Seiner Thesen nach wurden bisher die falschen Begriffe für das Marketing der IPs verwendet und „Informationskompetenz“ sei total „out“. Trotzdem schien Jörs einigen Anwesenden aus der Seele zu sprechen, zumindest quittierte man die jeweiligen Kurzerkenntnisse mit wohlwollenden Lachern. Leider erinnerte dieser Vortrag streckenweise an ein Motivationsseminar nach dem Motto „Stell dich vor den Spiegel und sei ein Sieger“. Wenn der USP eines IPs nach Jörs „erschwinglich, einfach zu erklären und einzigartig“ sein soll, warum, so könnte sich der Zuhörer fragen, haben wir ihn bisher noch nicht gefunden? Sicher deshalb, weil die verschiedenen Berufsbilder und der Kundenbedarf in der Praxis mitunter nun einmal nicht homogen sind.

 Gut unterhalten, aber mit zu vielen offenen Fragen und zu wenigen konkreten Antworten, kamen wir zu den fundierten Ausführungen von Dr. Rainer Michaeli, der die Merkmale der Competitive Intelligence erläuterte. CI ist „Marktforschung für Erwachsene“ mit detektivischem Gespür für die Themen hinter den Themen, der Input für Strategien liefert. Hier ist Kompetenz im Umgang mit Informationen gefragt. Laut Michaeli braucht es mindestens 86 Kernkompetenzen, verschiedene Ansätze zur Problemlösung und viel, viel Erfahrung. Ein Beruf mit Zukunft und Potential für Information Professionals.

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Weitere Konzentration unter Providern, ein Ende der Freelancer?
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Die erste Paneldiskussion konfrontierte „Dinosaurier“ der Branche mit freien Infobrokern und erinnerte streckenweise an ein kleines Krisengespräch. Von der Diskussion bleibt, dass man die Entwicklung hin zur Privatisierung der Informationsversorgung weiter kritisch begleiten muss. Wenn die Demokratisierung von Information seit den 90er Jahren rückläufig ist und Anbieter nur noch kommerziell denken, fällt informatorisches Gemeingut bei der Generierung von Wissen weg. Wenn kommerzielle Anbieter morgen ihre Produktpolitik ändern, bleiben alle auf der Strecke, weil Informationen verloren gehen könnten. Henrik Schreiber, freiberuflicher IP, verglich seine Tätigkeit mit der eines Info-Einzelhändlers, der angesichts der größer werdenden Marktmacht und -konzentration der Großhändler in deutlichen Worten das Ende der Freelancer in den nächsten fünf Jahren prognostizierte. Den Providern sagte er eine weitere Konzentration voraus.

Es ist natürlich klar, dass sich mit fortschreitender Automatisierung bestimmte Services erledigen und in den Firmen interne Strukturen wegbrechen und nicht ersetzt werden. Bleibt die Hoffnung, dass Dienstleistungen in Zukunft mit einem „Premium-Angebot“ der individuellen Kundenbetreuung punkten können – auch und gerade als kleiner, flexibler und externer Dienstleister, wie der Freelancer oder das WTI. Immerhin bestätigte das Panel, dass zufriedene Kunden treu sind. Alles andere wird wohl künftig die Künstliche Intelligenz erledigen.

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Wenn die Interessen überhandnehmen, bleibt die Suche nach Wahrheit auf der Strecke.

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Dr. Guido Heinen, Leiter der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages, führte dem Auditorium den Zusammenhang zwischen Interessen und Informationen im politischen Kontext vor Augen. Sein Service muss neutral agieren und sich zwischen politischer Entscheidungsfindung und Informationsversorgung bewähren. Er benennt zu Beginn die größten Herausforderungen bei diesem Job. Drei Machtzentren streiten um die Deutungshoheit: Politik (Exekutive), Lobby und Medien. Der WD müsse mit der „Wirklichkeit als Inszenierung von Teilwahrheiten“ umgehen, die „absolut interessensgesteuert“ sind, die Aussagekraft von wissenschaftlichen Studien eingeschlossen, so Heinen. Er beklagt, dass in der „Attention Economy“ nur noch Ungewohntes Aufmerksamkeit erzeugt, nicht aber mehr Fakten und Wahrheiten. Seiner Einschätzung nach fehlt es der öffentlichen Kommunikation an Verifikation, die Zahl der fachlich gebildeten Journalisten würde weiter abnehmen. Kleinste Fehler würden bis ans Ende der Meldekette weitergereicht. Wo sich Fake, Fakten und Emotionen zu Meldungen vermischen, haben es am Ende auch die Bürger nicht mehr leicht, sich eine eigene Meinung zu bilden. Abgesehen von der Zunahme der Informationsmasse und dem gefühlten Zeitmangel, den Fakten dahinter nicht mehr in Ruhe nachgehen zu können.

Gewinner der Verwirrung seien die drei Machtzentren, mahnte uns Dr. Heinen in seinem sehr hörenswerten und aufrüttelnden Vortrag. Für ihn gibt es „ohne Wissen keine Informationskompetenz“. Nach Auffassung der Autorin dürfte dies wohl DER zentrale Satz des Vortrags und DIE Steilvorlage der Veranstaltung gewesen sein. Denn wenn Interessen wichtiger als Informationen werden, bleibt die Suche nach der Wahrheit und am Ende womöglich die politische Souveränität in einer postfaktischen Demokratie auf der Strecke.

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Wie agieren wir in der Attention Economy?
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Die abschließende Diskussion versuchte Mut zu machen, den Blickwinkel zu erweitern und den Infoprofi als Wissensvermittler aus der Vertrauenskrise herauszuholen, der eben nicht interessensgesteuert handelt. Eine offene Gesellschaft muss Komplexität wieder zulassen, auch wenn sie mehr Zeit zur Rezeption kostet. Informationen zu verarbeiten oder zu analysieren braucht eben Weile. Der Infoprofi ist nicht immer laut und schnell, er agiert gründlich und neutral. Eine Eigenschaft, die in diesen unübersichtlichen und dynamischen Zeiten wertvoll sein kann. Bevor am Ende aus Emotion Hysterie entsteht, wird sich in Zukunft hoffentlich mit sachlicher Arbeit und Analyse auch weiterhin Aufmerksamkeit erzeugen lassen.

Die Veranstaltung konnte einen nachdenklich werden lassen. Was verlieren wir derzeit und was gewinnen wir in der Attention Economy? Selten sind Infoservices oder Rechercheergebnisse mit „Emotionen“ verknüpft. Infoprofis sollten nicht über Nacht zu extrovertierten Showmakern in eigener Sache werden, nur um dem Bedarf der Attention Economy gerecht zu werden. Das wäre nicht authentisch. Müssen sich Infoprofis dennoch aus den Mitteln der Attention Economy bedienen, damit Sachkompetenz wieder wahrgenommen wird? Einerseits ja, aber nur, wenn man gleichsam die Mechanismen durchschaut. Das könnte eine Strategie sein.

Man mag bezweifeln, ob das wirklich neue Erkenntnisse hinsichtlich des Anpassungsdrucks in herausfordernden Zeiten sind. Wer sich bei der Veranstaltung bestätigt fühlen wollte, war hier richtig. Wer nach wirklich neuen Strategien suchte, wurde eher enttäuscht. Aber was nicht neu ist, ist nicht unbedingt veraltet. Die zunehmende Fokussierung auf die Beziehungen zu den Kunden und sachliches Markting sowie Kommunikation über viele Kanäle sind gute Wege, auch wenn sie steinig bleiben. Und – nicht was laut ist, hat immer recht. Es wird auch zukünftig richtig sein, besonnen und konsequent gute Services zu liefern und mehr über die eigenen Erfolge zu reden. Eine gute Nachricht: Informationskompetenz bleibt weiter „in“.

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