Nachrichten - Montag, den 1. Februar 2016

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Rafall Ball - Bibliotheken - Schweiz - Neue Zürcher Zeitung - Stephan Holländer

 

Rafael Ball zum Zweiten

Die Schweizer Bibliothekswelt
im Aufruhr
und ein Blick auf relevantere Themen

Von Stephan Holländer

Nach einem weiteren Interview mit Rafael Ball im Schweizer Rundfunk ist die Zahl der Stellungnahmen in den Sozialen Medien in Deutschlands, Österreich sowie der Schweiz und in den gedruckten Medien der Schweiz abermals schlagartig angeschwollen.

Am Donnerstag letzter Woche wurde Rafael Ball im Schweizer Rundfunk zu seinem Interview in der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag erneut befragt (http://www.srf.ch/sendungen/kultur-kompakt/macht-das-internet-buecher-ueberfluessig). In der ihm eigenen Art bekräftigte Ball seine im Zeitungsinterview gemachten Aussagen, ohne Wenn und Aber.

Geliefert wird, was der Nutzer bestellt

Einen Tag später erschien in der Freitagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung eine Entgegnung von Prof. Michael Hagner an der ETH (http://www.nzz.ch/feuilleton/ueber-eine-zukunftsvision-die-ein-horrorszenario-sein-koennte-1.18693786).  Er wies darauf hin, dass die wissenschaftlichen Bibliotheken die Aufgabe haben, die Wissenschaftler und Forscher als Informationsdienstleister durch den digitalen Informationsdschungel zu begleiten. Professor Hagner mahnt, wenn er im Artikel schreibt: „Ein Bibliothekar, der die Forderung aufstellt, man solle endlich die Hemmungen vor elektronischen Büchern überwinden, und der darüber hinaus Bibliotheken zu quasi bücherfreien Zonen erklärt, hat nicht nur seinen Beruf verfehlt, er mischt sich auch in Forschungspraktiken ein, die ihn gar nichts angehen.“

Die Botschafter des Kollektivs

Als ließe das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, schob die NZZ am Sonntag gleich einen Beitrag der beiden Bibliotheksdirektoren Claus Ceynowa und Andreas Degkwitz nach, die sich in ironisierender Weise die im Interview gemachten Sentenzen Balls angenommen haben (NZZ am Sonntag vom 14. Februar, Seite 24). Sie schlagen vor, Rafael Ball beim Wort zu nehmen, die ETH Bibliothek von allen gedruckten Medien und ihrer Infrastruktur frei zu räumen. Die frei gewordene Fläche soll als Lern- und Kommunikationszentrum umgestaltet werden. Die Mitarbeiter der ETH-Bibliothek seien für die Zeit des Experiments zu suspendieren. Die so eingesparten Mittel sollen den ETH-Informatikdiensten zugewiesen werden. Überdies sollen alle netzbasierten Dienste der ETH gekappt werden, um allfälliges „Wildern“ bei anderen Bibliotheken zu verhindern, denn nach der Überzeugung Balls sind alle Informationen im Netz frei verfügbar. Die Autoren stellen sich für die Evaluation des Experiments unentgeltlich zur Verfügung. Nun Scherz, Satire, Ironie und ihre tiefere Bedeutung in Ehren, aber das geht am Kern der Sache vorbei. Der Chronist merkt an, dass die ETH-Bibliothek nicht (nur) Rafael Ball ist. Warum muss denn die Bibliothek als Institution in diesen Disput mit einbezogen werden?

Viel schöner als man glaubt

Eines lassen die beiden Direktoren in ihrem Beitrag beiseite: Zum Zeitpunkt der Niederschrift ihres Artikels kündigte die britische Tageszeitung „Independent“ als erste europäisch bekannte Tageszeitung an, künftig nur noch digital zu erscheinen (http://www.independent.co.uk/news/media/press/the-independent-becomes-the-first-national-newspaper-to-embrace-a-global-digital-only-future-a6869736.html).

Blättert man zwei Seiten in der NZZ-Sonntagsausgabe weiter, so findet man die Stellungnahmen nicht nur des Verbandspräsidenten der Bibliothek Information Schweiz (BIS), Herbert Staub, sondern auch der Direktorin Susanna Bliggensdorfer der nahe gelegenen Zentralbibliothek Zürich, die der Universität Zürich zugewandt ist, und von Marie-Christine Doffey, Direktorin der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern, um nur die Spitzen des Schweizer Bibliothekwesens zu nennen. Fast völliges Schweigen herrschte hingegen in den Reihen der Informationswissenschaftler an den beiden Fachhochschulen Chur und Genf. Rudolf Mumenthaler äußert sich auf seinem eigenen Blog (http://ruedimumenthaler.ch/2016/02/15/bibliotheken-und-digitaler-wandel-skizze-fur-ein-forschungsprogramm/), und Michel Gorin in seiner Eigenschaft als Leiter der Arbeitsgruppe Berufsethik erinnert an den Ethikkodex des BIS für Bibliothekare und Informationsfachleute.  Ferner äußern sich weitere Gruppierungen der Bibliothekswelt wie die Bibliothekskommission des Kantons Bern und die Genfer Ortsgruppe der Bibliothekare und in Informationswissenschaften diplomierte Fachleute (AGBD). Bei der Lektüre der Stellungnahmen auf SwissLib, dem führenden Sozial Medium der Branche in der Schweiz, fallen die Wiederholungen der Argumente in den verschiedenen Stellungnahmen auf.

Auch in den Nachbarländern Deutschland und Österreich wird der Faden des Interviews Balls aufgenommen. So äußert sich Werner Schlacher für den österreichischen Bibliotheksverband (VÖB) auf dem Blog des Verbandes (http://www.univie.ac.at/voeb/blog/?p=39451). Eine nur vermeintlich originelle informationswissenschaftliche Schleife fährt Ben Kaden in Deutschland auf Libreas (https://libreas.wordpress.com/2016/02/11/rafael-ball-bibliotheken/). Ben Kaden gräbt alte Artikel von Rafael Ball aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus den neunziger Jahren aus, um die Wurzeln der Beweggründe für die heutigen Ansichten des Publizisten und Autors Ball freizulegen. Der Chronist möchte hier Ball das "Recht auf Vergessen" zugestehen, wie es nun auch Google nach einem NZZ-Bericht  in der EU anwendet - dies gleichfalls eine wichtige Entwicklung: Wenn Google das "Recht auf Vergessen" nicht mehr auf seine nationalstaatlichen Dienste beschränkt, sondern auf Nutzer aus der EU ausweitet, die in Google.com recherchieren, so kommt es damit einer alten Forderung etwa der deutschen Datenschützer nach.

Den Topf am Kochen halten

An dieses Motto der Heilsarmee bei ihren Spendensammlungen fühlt man sich erinnert, wenn die NZZ-Redaktion in ihrer heutigen Ausgabe erstmals selbst zum Interview von Ball Stellung bezieht (.http://www.nzz.ch/schweiz/verfruehter-abgesang-1.18695878). Marc Tribelhorn sieht in den Aussagen Balls ein verfrühtes Läuten des Totenglöckleins der heutigen Bibliotheken mit ihrer Bücherausleihe. Ganz im Stil des Hauses belegt er dies nicht mit eigenen inhaltlichen Aussagen, sondern zitiert die Speerspitze des Schweizer Bibliothekswesens aus Verband, wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken sowie der Wissenschaft. Zudem greift er auf zugegebenermassen unvollständiges Zahlenmaterial des Schweizerischen Bundesamt für Statistik zurück. Tribelhorn kann es sich aber nicht verkneifen, die abgedroschenen Klischees über Bibliothekare als „vermeintlich dick bebrillte, biedere Bücherwürmer" in Seitensätzen aufzuwärmen. Pikant ist die Aussage des Journalisten, Rafael Ball als „Nörgler“ abzuqualifizieren bei gleichzeitigem Verweis auf die Funktion Balls als „Vorsteher der renommierten Bibliothek der ETH Zürich“. Hier drängen sich Assoziationen zu einer grossformatigen Zeitung mit grossen Lettern und vielen Bildern auf, mit der die NZZ keinesfalls im gleichen Atemzug genannt werden möchte. Die Gebräuche der heutigen Medienindustrie nördlich des Rheins sind auch in der ansonsten betulich auf ihren guten Ruf achtenden Redaktion der führenden Schweizer Tageszeitung angekommen. Tribelhorn merkt an, dass die Digitalisierung durchaus ihre Tücken hat und nicht alles frei verfügbar im Internet zu haben sei. Trotzdem lässt er sich dann im Fazit zur undifferenzierten Aussage hinreissen: „Wer Google hat, kann sich vermeintlich den Weg in die Bibliothek sparen.“ Können schon, aber nicht unbedingt wollen, wie die Nutzerzahlen der Schweizer Bibliotheken belegen, die gleichfalls in dem Artikel erwähnt werden.

Relevantere Themen nicht aus den Augen verlieren!

Bei aller Aufregung in den Sozialen Medien sollten wichtigere Themen für die Schweizer Bibliotheken nicht aus den Augen verloren werden. Zu Recht rufen die beiden Schweizer Bibliotheksverbände zu einer Stellungnahme über die anstehende Novellierung des Schweizer Urheberrechts auf. Da sollte der Blick weiter als die sogenannte Bibliothekstantieme gehen, die aus der Sicht der Bibliotheken die vielleicht augenfälligste Veränderung am bestehenden Urheberrecht darstellt. Gerade die weiteren Artikel, die sich mit der Digitalisierung unserer Informationswelt befassen, müssen einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Auf der politischen Agenda stehen auch die Regierungsvorlagen zu Bildung und Wissenschaft, die noch in beiden Parlamentskammern beraten werden müssen. Auch hier steht wesentlich mehr auf dem Spiel als die Aussagen in Balls Interview aus der NZZ am Sonntag.

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