Open Password: Freitag, den 16. September 2016

ZB MED – Leibniz Gemeinschaft – Dietrich Nelle – Ulrich Korwitz - Transformation

Zentralbibliothek der Medizin

Bürokratisches Schwergewicht Nelle
treibt Transformationsprozess voran


Die ZB MED bald mit Doppelspitze?

Von Willi Bredemeier

Der Stiftungsrat der Zentralbibliothek der Medizin (Köln) beschloss auf seiner Tagung am gestrigen Nachmittag, den bisherigen Leiter der ZB MED, den Leitenden Bibliotheksdirektor Ulrich Korwitz, zum 1. Oktober abzuberufen. Zu seinem Nachfolger wurde der Unterabteilungsleiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Ministerialdirigent Dr. Dietrich Nelle, bestellt. Nelle soll den Transformationsprozess der ZB MED gestalten. Im Anschluss an die Sitzung des Stiftungsrates wurde Nelle den Mitarbeitern der ZB MED durch den Staatssekretär im Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Thomas Grünewald, vorgestellt.

Die Zentralbibliothek für Medizin war in schwere Fahrwasser geraten, nachdem die Leibniz Gemeinschaft die Einstellung der Förderung der ZB MED empfohlen hatte. Im Anschluss daran erhoben sich große Teile der Community der Bibliothekare und Informationsspezialisten, um gegen die aus ihrer Sicht unberechtigte empfohlene Abwicklung der ZB MED zu protestieren. Ein Experte nach dem anderen trat vor, um darauf hinzuweisen, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft in seiner Empfehlung wissenschaftliche Bibliotheken mit Forschungsinstituten verwechselt habe und von der irrigen Voraussetzung ausgegangen sei, wissenschaftliche Bibliotheken seien ausschließlich nach ihren Forschungsleistungen zu beurteilen.

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Die Grenzen einer Protestbewegung: Was nützt der ZB MED eine Zwischenfinanzierung, wenn sie anschließend abermals nicht sachgemäß beurteilt wird?
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In der Tat war die ZB MED von der Evaluierungskommission der Leibniz Gemeinschaft in allen Geschäftsbereichen positiv und zum Teil sehr positiv bewertet worden – den Forschungsbereich ausgenommen, der aber auch nur zurückhaltend kritisiert wurde. Bei der Begründung seiner Empfehlung zitierte der Senat der Leibniz Gemeinschaft die eigene Evaluierungskommission so selektiv, wie er dies für die Rechtfertigung der eigenen Entscheidung benötigte. Zusätzlich stützte sich der Senat der Leibniz Gemeinschaft auf das Monitum, die ZB MED habe die vom Senat verlangte Besetzung der Leitung der ZB MED mit Hochschulprofessoren zwar in die Wege geleitet, sie jedoch nicht vollendet – so als hätten die Mitglieder des Senates nicht gewusst, wie zeitraubend es an den Hochschulen bei Berufungsverfahren zugeht.

In einer Petition, die sich gegen die Schließung der ZB MED wandte, wurde die Zahl von 10.000 Unterzeichnern überschritten. Dies ist eine bemerkenswerte Zahl, wenn man in Rechnung stellt, wie klein die Informationsbranche ist und sich zugleich erinnert, dass sich diese in der Vergangenheit nicht durch eine besondere Mobilisierungsfähigkeit und Zivilcourage ausgezeichnet hat. Diese Protestbewegung trug mindestens mit dazu bei, dass sich Bund und Land auf eine Zwischenfinanzierung für die ZB MED und auf eine Fortsetzung des von der ZB MED bereits eingeleiteten Transformationsprozesses verständigten. Am Ende dieser Transformation soll die abermalige Aufnahme der ZB MED in die Leibniz Gemeinschaft stehen.

Dieser Erfolg ist nicht gering zu schätzen, auch wenn er begrenzt blieb: Die Politik der Leibniz Gemeinschaft wurde insgesamt nicht infrage gestellt, obgleich sie seit Jahren auch die anderen ihr angeschlossenen wissenschaftlichen Bibliotheken und weiteren Informationseinrichtungen ausschließlich nach ihren Forschungsleistungen bewertet und mittlerweile auf eine bedeutende Anzahl von „erlegten“ Bibliotheken und Informationseinrichtungen zurückblicken kann. Darüber hinaus fragt sich, warum Bund und Land in eine Zwischenfinanzierung für die ZB MED eintreten, wenn sie nur dazu dienen soll, die Zentralbibliothek wieder in die Leibniz Gemeinschaft zurückzuführen, es sei denn, diese ändere ihre Politik und würde Bibliotheken und Informationseinrichtungen nach Kriterien bewerten, die den besonderen Merkmalen dieser Einrichtungen gerecht werden.

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Wer erinnert sich an die Erfolge und Verdienste der ZB MED, wenn nur die Empfehlung zur Abwicklung in Erinnerung bleibt!
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Password und Open Password haben jahrzehntelang teilweise eng mit der ZB MED zusammengearbeitet und schätzen Leitung und Mitarbeiter der ZB MED als hochmotiviert und hochkompetent ein. Die Erfahrungen des Password-Redakteurs stimmen mit den Bewertungen der Evaluierungskommission der Leibniz Gemeinschaft überein, den Forschungsbereich ausgenommen, wo die Kommission den vorab getroffenen Festlegungen des Senates der Leibniz Gemeinschaft zu sehr entgegenkam. Wie sehr sich Leitung und Mitarbeiter allerdings noch in einigen Jahren auf diese Bewertungen zur Charakterisierung ihrer Leistungen und Verdienste stützen können, ist ungewiss. Vielleicht erinnert sich die Welt nur noch an die seinerzeitige Empfehlung zu einer Abwicklung der ZB MED.

Hier wäre es sachlich angemessen und fair gewesen, wenn sich Bund und Land nicht nur mit dem Eingehen einer Zwischenfinanzierung, sondern auch schriftlich von den sachfremden Entscheidungskriterien des Senates der Leibniz Gemeinschaft distanziert hätte. ___________________________________________________________________________

Was Nelle der ZB MED bringen kann und was nicht.
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Da der kommende Leiter der ZB MED als Transformationsmanager fungieren wird, dürfte nunmehr das Berufungsverfahren für eine W3-Professur vorangetrieben werden. Damit tut sich für die kommenden Jahre die Möglichkeit einer Doppelspitze als Leitung der ZB MED auf, eine Lösung, die beispielsweise im Falle von juris über viele Jahre realisiert ist.

Immerhin handelt es sich bei dem Juristen Dietrich Nelle, einem Absolventen der französischen Verwaltungshochschule ENA, um ein bürokratisches Schwergewicht. Dieser leitet seit 2005 die Unterabteilung Forschungsorganisationen und ist verantwortlich insbesondere für die Grundsatzfragen des Wissenschaftssystems einschließlich der Zuständigkeit für den Wissenschaftsrat und die Nationalakademie Leopoldina, für die großen Forschungsorganisationen (FhG, HGF, MPG und WGL), für die Förderung von Forschungsbauten und die BMBF-Roadmap für große Forschungsinfrastrukturen, für den Rat der Informationsinfrastrukturen sowie für die Förderung der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und die forschenden Museen. Zuvor war Nelle in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der Europäischen Union in Brüssel mit der Verhandlungsführung zum 7. Forschungsrahmenprogramm der EU betraut. Davor war er als erster Berater aus dem BMFT im DDR-Ministerium für Forschung und Technologie tätig und war einer der ersten Mitarbeiter im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des kurz zuvor wiedergegründeten Landes Sachsen-Anhalt.

Befindet sich die Zentralbibliothek für Medizin demnach bei Nelle in den besten Händen? Einflussreich im eigenen Haus ist er gewiss und notfalls wird er auch, wenn es um Fragen des Mikromanagements geht, dort Ressourcen mobilisieren können. Auch wurde Nelle wiederholt in Projekten eingesetzt, die durch eine weitgehende Offenheit gekennzeichnet waren, dies mit Ergebnissen, die seine Vorgesetzten offenbar zufriedenstellten.

Aber vielleicht kommt es im Geflecht der wissenschaftspolitischen Institutionen gar nicht so sehr auf einzelne Personen, sondern nun doch auf eingeschliffene Strukturen und Prozeduren an. Und da Nelle unter anderem für die Beziehungen des BMBF zur Leibniz Gemeinschaft zuständig war, hätte er die in einer ganzen Reihe von Fällen gut belegten unsachgemäßen Empfehlungen des Senates der Leibniz Gemeinschaft gegen die wissenschaftlichen Bibliotheken und weiteren Informationseinrichtungen nicht als solche erkennen können, ja müssen? Aber womöglich war solches in der dünnen Luft der Belletage der Wissenschaftspolitik nicht opportun. Jedenfalls dürfte auch von Nelle nicht zu erwarten sein, das zu tun, was vor allem anderen notwendig wäre, nämlich bei der Transformation nicht bei der ZB MED, sondern bei der Leibniz Gemeinschaft anzusetzen und hier in einem ersten Schritt eine öffentliche Debatte dazu zu fördern.

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