Open Password: Montag, den 8. August 2016

Wisspub - Hochschulrektorenkonferenz - Horst Hippler - Lizenzierungen - Elsevier - Cost of Knowledge - Zitationsraten - Informationskompetenz - Walther Umstätter - Zukunft der Informationswissenschaft - Agnotologie - N.R. Proctor - Qualitätskontrollen - Willi Bredemeier - Michael Klems - Bern Jörs - Information Professionals


Informationsversorgung

Für deutschlandweite Lizenzierung
von Elsevier-Zeitschriften
unter faireren Bedingungen

Wie Wisspub meldet, sind auf Initiative der Hochschulrektorenkonerenz unter Leitung des HRK-Präsidenten Horst Hippler Verhandlungen mit Elsevier für einen deutschlandweiten Lizenzvertag anflaufen. Hippler verlangt "fairere Konditionen für den Literaturerwerb" und "signifikante Verbesserungen bei der Informationsversorgung der Wissenschaft". Mit Springer Nature und Wiley werden in diesem Jahr erste Sondierungsgespräche mit der gleichen Zielsetzung geführt.

Aufgrund der aggressiven Preispolitik und des aktiven Lobbyings des Verlages gegen Open Access haben seit 2012 im Rahmen der Initiative „Cost of Knowledge“ über 16.000 Wissenschaftler ihre Zusammenarbeit mit Elsevier eingestellt. Darüber hinaus haben verschiedene Hochschulen in Deutschland ihre Verträge mit Elsevier, zum Beispiel die Universität Konstanz und die Universität Leipzig), gekündigt.


Tweets und Facebooks

Zitationsraten in Zeitschriften
außerhalb des Web of Science

InfoPros in die Grundschulen!

ZB MED ‏@ZB_MED: Gebloggt: Ermittlung von #Zitationsraten für Zeitschriften, die nicht im #WebofScience ausgewertet werden http://ow.ly/nllK302UFFv 

GunduLa Rey-Mermet: Neue Tätigkeitsfelder unseres Berufsstandes? Herausforderung? Angriff? In diesem Artikel wird gefordert, dass Kernpunkte der Informationsbeschaffung schon in Schulen vermittelt werden: www-2koebd.org

Editorial

Zukunft der Informationswissenschaften

Walther Umstätter prangert
die Aufgabe der Wahrheitssuche in den Wissenschaften an
und nimmt auf die Debatte
zur Zukunft der Informationswissenschaft Bezug

Positionierung der Informationswissenschaft
als TÜV für weitere Disziplinen

Lieber Leser von Open Password,

der heutige Beitrag von Walther Umstätter ist ein guter Anlass, um sich über einen Erfolg von Open Password seit seiner Gründung (oder der Umwidmung von Password Print zu Open Access) im Januar dieses Jahres zu freuen. Dank seiner alten und neu hinzugewonnenen Autoren gelang es, eine Debatte über die Zukunft der Informationswissenschaft zu beginnen und fortzusetzen. "Debatte", das heißt hier eine gemeinsame Erörterung mit diesen Merkmalen:

• kontinuierliche Fortsetzung der Diskussion  unter Beteiligung immer weiterer Autoren

• Beiträge, die aufeinander Bezug nehmen und Chancen zu einer Akkumulation von Wissen eröffnen

• Kontextbewusstsein, das bedeutet auch die Herstellung von Bezügen zu der anderen großen laufenden Debatte in Open Password, den Chancen und Herausforderungen für Information Professionals sowie  

• "Praxisorientierung", das heißt die Erarbeitung konkreter Vorschläge, wie sich die Informationswissenschaft Erfolg versprechend positionieren und die Zukunft für sich gewinnen kann.

Auch  an diesen Vorschlägen musste die Heterogenität der Informationswissenschaften deutlich werden. So rät Umstätter in seinem Beitrag, die Informationswissenschaft zu einem TÜV für einen Teil der anderen Disziplinen auszubauen (nachdem sie im eigenen Hause mit besser funktionierenden Qualitätskontrollen gekehrt hat). Dieser Vorschlag birgt Potenzial, da die Peer Review in abgeschlossenen Gruppen, Zitatenkartellen, Disziplinen auf Abwegen - Beispiel: Pädagogik - und Vermischung von Wissenschaft und Politik in Berufspolitik, Auftragsforschung, Exzellenzinitiativen usw. unzureichend funktioniert. Zudem würde der Informationswissenschaft im Falle einer solchen Positionierung die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die sie sich immer gewünscht hat, von selbst zufallen.

Dazu ein weiterer - lediglich klassifikatorischer - Vorschlag zur Güte: Solange die Inhalte, nicht Institutionelles und Organisatorisches, im Fokus der Erörterungen stehen, kann es (ähnlich wie in den Sozialwissenschaften) nur um Informationswissenschaften gehen. Der Singular spiegelt eine Homogenität der Fragestellungen wieder, die nie erreicht worden ist und nicht erreicht werden sollte.

Open Password dankt seinen Autoren.

                                                                                           Herzlichst Ihr Willi Bredemeier

Agnotologie

Oder: Warum auch manche Wissenschaftler
die Wahrheit nicht wahrhaben wollen

Inmitten der heutigen Vielfalt
propagandistischer Kriege
gilt der Rückbezug auf Wahrheit
als Naivität

Von Walther Umstätter

Es ist ein wachsendes Problem der Wissenschaftsforschung, auf das N. R. Proctor 2005 an der Stanford University mit seiner Wortschöpfung "Agnotology" aufmerksam gemacht hat, dass nämlich der gute Ruf der Wissenschaft immer häufiger durch die Ignoranz wissenschaftlicher Erkenntnisse unterminiert wird. Das erkennt man bibliometrisch an der Uncitedness 4.

War es einst Ziel wissenschaftlicher Dispute, aus dem Angebot an Thesen bzw. Theorien die am besten begründete und möglichst widerspruchsfreie herauszufinden, so geht es nun immer häufiger darum, welche Behauptung, auch wenn sie noch so unsinnig ist, die meisten finanziellen oder verbalen Unterstützer findet. So gibt es immer mehr wirkungslose Medikamente, deren Verkauf mit beträchtlichen Geldmitteln erfolgreich beworben wird, auch wenn wissenschaftliche Untersuchungen deren Wirkungslosigkeit oder sogar ihre „Adverse Effects“ nachgewiesen haben.

Sobald Nichtwissen eigene Vorteile bringt, wächst die Gefahr, dass sich Menschen dumm stellen. Das gilt in zunehmendem Maße auch für Professoren, die damit ihren guten Ruf riskieren. Sie stellen sich darum nicht nur einfach dumm, sondern nutzen alle Tricks der Agnotologie, um ihre Gegner zu verwirren. So mögen ihre Antithesen oft sehr kompliziert sein, um sie besonders hochgeistig wirken zu lassen.

Das Beispiel der Tabakindustrie, die jahrelang viel Geld investierte, um die gesundheitsschädigende Wirkung von Tabakrauch in Abrede zu stellen, ist ein guter Beleg für Agnotologie. Auch wenn man durch die gesamte Wissenschaftsgeschichte hindurch Beispiele für die Ablehnung neuer Erkenntnisse findet, so ist es für die Big Science typisch, dass gezielt Projektgelder für Verwirrung, Ignoranz oder Konfusion ausgegeben werden, wenn unangenehme wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen. Auch das Verlagswesen hat in den letzten Jahrzehnten große Anstrengungen gemacht, um das Fortschreiten der Digitalisierung und seiner Vorzüge für die Wissenschaftsgesellschaft so weit wie möglich aufzuhalten. Das reichte bis zu der Behauptung, ein Text auf Papier präge sich viel besser in das Gedächtnis eines Lesers ein als derselbe Text auf einem Bildschirm.[1] Mittlerweile mehren sich die Beobachtungen, dass sich das Leseverhalten in unserer Gesellschaft immer mehr zugunsten der Lektüre elektronisch gespeicherter Texte wandelt.

Was sind die Gründe für die Agnostik neuer Erkenntnisse?

Der Kampf um den Erhalt von Einnahmen. Auf das Beispiel der Tabakindustrie wurde bereits verwiesen, ebenso auf das des Verlagswesens, wo publizierte Information so weit wie möglich verknappt wird, um möglichst große Gewinne zu erzielen, obwohl es längst kein technisches Problem mehr ist, auch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse weltweit und ohne Zeitverzug kostenlos anzubieten. Besonders makaber wurde es, als die nationalsozialistischen Pseudowissenschaftler eine Rassenkunde entwickelten, die dazu diente, die Juden auf scheinbar legitime Weise ausrauben und vernichten zu dürfen.

Man will sich nicht geirrt haben. Nachdem schon Max Planck beobachtet hatte, dass Fachkollegen oft ablehnen, neue Entdeckungen zur Kenntnis zu nehmen, um nicht zugeben zu müssen, dass sie jahrelang Unsinn verbreitet haben, finden sich in der Fachliteratur immer mehr unsinnige Dispute, in denen zum Teil veraltete Standpunkte verteidigt werden und das vehement. Prinzipiell ist es im Sinne Karl Poppers der Normalzustand in der Wissenschaft, dass neue Erkenntnisse die inzwischen veralteten falsifizieren. Insofern müsste dies keinem Wissenschaftler peinlich sein. Aber durch den immer rascheren Erkenntnisgewinn, erzeugt von immer mehr Wissenschaftlern weltweit, wächst die Gefahr, dass auch Spezialisten auf ihren Fachgebieten bestimmte Entwicklungen nicht rechtzeitig wahrnehmen.

In neuen Zusammenhängen zu denken ist anstrengend. Veraltete Standpunkte werden häufig aufrechterhalten, weil manchem eine intensive geistige Auseinandersetzung mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu anstrengend und zeitraubend erscheint. So haben viele Informationswissenschaftler die Informationstheorie von Shannon und Weaver bis heute nicht verstanden, wie sich in der Literatur an zahlreichen Stellen belegen lässt.

Widersprechen, um Aufmerksamkeit zu wecken - dies unter Aufgabe des Wahrheitsanspruches. Im zunehmenden Kampf um Aufmerksamkeit ist es ein probates Mittel, durch Widerspruch gegen wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse aufzufallen. Diese Aufmerksamkeit wird desto größer, je absurder der Widerspruch erscheint. Dabei ist seit Jahrhunderten allgemeiner Konsens, dass Wissenschaft nach Wahrheit streben muss. Dies gehört zum offiziellen Leitbild vieler Universitäten, z.B. bei Harvard (Veritas), Yale (Lux et veritas), FU Berlin (Veritas, Iustitia, Libertas) sowie Mannheim, Rostock usw. Unbeeindruckt davon wird in der Agnotologie fleißig nach Zweifeln an viel versprechenden Forschungsergebnissen gesucht, um durch Widerspruch aufzufallen. Volker Gerhardt hat eine Erregung von „Irritation durch Komplexität“ beobachtet (https://goo.gl/AzZ2GD ) und festgestellt: “Allenthalben kann man Schriftstellern, Journalisten oder Politikern begegnen, die nur milde lächeln, wenn tatsächlich jemand noch so naiv ist, die Wahrheit im Munde zu führen.” Anstelle einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung disqualifiziert man den geistigen Gegner durch Unterstellung von Naivität.

Wenn man bestimmte Erkenntnisse nicht wahr haben will, werden Unsicherheiten, Zweifel und scheinbare Widersprüche in die Diskussion gebracht - frei nach dem Motto: „Einfache Wahrheiten gibt es nicht.“ Dabei ist die Komplexität vieler Thesen oft nur die Folge absichtlicher Verkomplizierungen. Darauf hat schon Willian Ockham (~ 1287–1347) mit „Occam's Razor“ hingewiesen.

Ein Hauptproblem der Agnotologie besteht in der oft unzureichenden Unterscheidung zwischen dreisten Behauptungen und gut begründeten Theorien. Schon der allgemeine Sprachgebrauch, nach der von einer Theorie gesprochen wird, obwohl es sich nur um eine Hypothese handelt, macht dies deutlich.

Beim Wissen als begründeter Information lautet die zentrale Frage, wie umfangreich und fundamental ihre Begründung ist. Viele Experten stellen ihre Behauptungen auf ein Fundament eigener Erfahrungen. Das ist durchaus legitim, wenn beispielsweise ein Ethnologe bei einer kleinen Gruppe Eingeborener über Jahre Beobachtungen macht und dazu eine vergleichende Studie veröffentlicht. Diese Methode der Beobachtung ist typisch für fast alle narrativen Wissenschaften. Die daraus hervorgehenden Erkenntnisse sind oft Aussagen, die von dreisten Behauptungen zunächst kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind. Sie müssen, soweit das geht, überprüft werden. Darum erlauben sich viele Laien, Behauptungen aufzustellen, um als Experten mit langjähriger Erfahrung zu erscheinen. Das Pendant dazu in den analytischen Wissenschaften ist die Fälschung, mit der beispielsweise gemessene Werte so verändert werden, dass sich gewünschte Resultate daraus ableiten lassen. Die Gefahr eines solchen Betrugs wächst, wenn mit einer Überprüfung der Werte durch Fachkollegen kaum zu rechnen ist. Das gilt beispielsweise für zahlreiche Befragungen und für alles, was kaum wiederholbar ist, und auch für sehr aufwändige und teure Versuche, wie sie in der Projektforschung der Big Science typisch sind.

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Die selbstreinigenden Kräfte der Wissenschaft müssen mit Hilfe der Information Professionals gestärkt werden. ____________________________________________________________________________

Mit Recht hat T. Z. Frazier in den Proceedings of the Association for Information Science and Technology 52(1) S. 1-3 (2015) auf die Bedeutung der Ignoranz in wissenschaftlichen Publikationen für die Information Science hingewiesen. Um es deutlich zu sagen: Die Informationswissenschaft könnte und sollte ignorante Publikationen ebenso wie Plagiate ausfindig machen und den Spezialisten übergeben, die davon betroffen sind. Das ist im Prinzip die gleiche Funktion, die Bibliothekare über die Jahrhunderte hinweg hatten, als sie in ihren Bibliotheken bestimmte Themen über die Erschließung synoptisch zusammenfassten, damit die jeweiligen Fachleute den Stand der Wissenschaft möglichst rasch überschauen konnten, um überflüssige Doppelarbeit zu vermeiden, und damit sie Widersprüche erkannten und wenn möglich klärten. Einen Teil dieser Aufgaben hat Google mit Erfolg übernommen – aber bei weitem nicht die ganze Arbeit.

Wenn Aischylos beklagte: „Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer“ und Clausewitz in seinem Buch "Vom Kriege" schreibt: "Die meisten Nachrichten sind falsch",  dann bestätigt die Agnotologie, dass wir uns weiter in einer Vielzahl propagandistischer Kriege befinden, in denen gern behauptet wird, dass die Wissenschaft dies oder jenes bewiesen habe, auch wenn das oft völliger Unsinn ist. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg hoffte man in der westlichen Welt, solchen Tendenzen durch Maßnahmen zugunsten der Informationsfreiheit entgegenzuwirken. Tatsächlich explodierte die Zahl der Lobbyisten, die an Interessen, nicht an Wahrheiten interessiert sind.

Viel zu viele Pseudowissenschaftler missbrauchen den guten Ruf der Wissenschaft mit den Tricks der Agnotologie, um eigene Interessen durchzusetzen. Die Zahl dieser Pseudowissenschaftler nimmt zu, und gefährdet die Wissenschaft stärker denn je. Die selbstreinigenden Kräfte der Wissenschaft sollten mit Hilfe der Information Professsionals wieder gestärkt werden.

Es mag sein, dass Google beispielsweise mit seinem "Quality Rating" in absehbarer Zeit auch diese Aufgabe in Teilen zu leisten vermag, wenngleich der “Rise of Disinformation“ (www.seobook.com/archives/2009_02.shtml) voranschreitet. Das Problem der Agnotologie ist aber so vielschichtig, dass die Informationswissenschaft noch einiges zu leisten haben wird, um ihrer Herr zu werden. Außerdem könnte und sollte sie gerade in der eigenen Disziplin nach agnotologischen Tendenzen suchen, denn wenn Bredemeier und Klems festellen, „Die Informationsbranche ist auf dem besten Wege, die Hoheit über den Begriff „Information“ zu verlieren“, dann würde ich nach den Diskussionen zu diesem Thema in den letzten Monaten sogar feststellen, dass die Informationsbranche die Hoheit über den Begriff „Information“ bereits verloren hat und sich nach B. Jörs (Open Password: Donnerstag, den 3. August 2016) von "inhaltslleren vollmundigen Kompeenzbeschreibungen lösen" sollte. 

Im Prinzip geht es um Wissen als begründete Information, weil Informationen viel zu häufig fehlerhaft sind. Obwohl wir alle seit Shannon, Weaver und anderen einen klar definierten Informationsbegriff haben, wurde dieser mit allen Tricks der Agnotologie verballhornt, als veraltet deklariert oder einer Konfusion entgegen geführt.

[1]     „Belletristik und Lehrbücher werden wir auch in Zukunft auf Papier lesen wollen“ - Klaus G. Saur (2008)

 

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